Lina Scheynius wollte immer Model werden. Als sie es war, wollte sie keins mehr sein.

Lina Scheynius aus Schweden, heute 33, hat den ganzen Modelzirkus miterlebt. Ihr wurden auf der ganzen Welt von Stylisten an den Haaren gezerrt, dicke Schichten Puder aufs Gesicht geschmiert, von Fotografen herumkommandiert, von Bookern erzählt, sie sei zu dick und habe keine Brüste. Lina wollte das alles und hat einen hohen Preis dafür bezahlt. Ihr Körper war ihr Kapital. Als junger Mensch hat sie ihn dafür gehasst, dass er so groß und dünn ist.

Direkt nach Mailand

Lina ist eine schüchterne Schülerin in einer schwedischen Kleinstadt und gehört nicht zu den beliebten Mädchen ihrer Klasse. Doch irgendwann kriegt sie von ihren Lehrern und Mitschülern zu hören: "Du könntest echt Model werden!" Langsam wächst dieser Gedanke in Linas Kopf. Sie träumt vom glamourösen Prinzessinenleben eines Models - so wie sie sich das von Topmodels wie Claudia Schiffer und Kate Moss vorstellt.

Mit 16 fotografiert Lina sich selbst und schickt die Aufnahmen an eine Model-Agentur. Eine Woche später kriegt sie einen Anruf. Und wenige Monate später ist sie auf dem Weg nach Mailand. Vor Ort taucht sie direkt in das knallharte Model-Business ein. In kürzester Zeit fliegt sie um die Welt, hat Fotoshootings in Japan, London, New York. Und sie schreibt in dieser Zeit ganze Tagebücher voll.

"Es ist, als wäre das Modeln ein Liebhaber, der dich nur manchmal will."
Lina Scheynius

Lina schreibt darüber, dass sie sich beim Arbeiten wie ein Stück Fleisch vorkommt, wie eine Marionette. Keiner behandelt sie als Mensch, sie ist nur ein Körper, so wie die anderen Models. Sie schreibt über das Gefühl, permanent rumkommandiert zu werden, von ihren Agenten, von Fotografen. "Es ist, als wäre das Modeln ein Liebhaber, der dich nur manchmal will.“ Und vor allem schreibt Lina über die Essstörungen, die mehr oder weniger alle Models in ihrer Umgebung haben. Irgendwann auch Lina selbst. "Ich bin zu müde zum Essen. Zu müde, um den Kopf in die Kloschüssel zu stecken. Meine Kehle ist wund an der Stelle, wo mein Finger war, und mein Bauch ist aufgebläht wie ein Luftballon."