"The Fate of Ophelia" von Taylor Swift hat über 1,5 Milliarden Streamingabrufe. Doch wenn wir selbst zur Gitarre greifen, würden wir dann auch diesen Song singen oder spielen? Eher nicht! Woran das liegt.

Wer am Lagerfeuer zur Gitarre singt oder zu Hause am Klavier spielen, findet die passenden Akkorde und Noten auf Plattformen wie Chordify oder Chord.

Chordify stellt außerdem die am liebsten gespielten Lieder vor, die "Top songs Germany" oder die "Top 10 user edits". Und in diese Hitlisten zeigt immer wieder ein ähnliches Bild: Gespielt und gesungen wird vorwiegend älteres Material. Charlie XCX oder Ariana Grande sind dort nicht besonders gefragt. Stattdessen taucht zum Beispiel "What’s Up?" aus dem Jahr 1993 auf.

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Aber interessieren sich Menschen, die selbst Musik machen, tatsächlich vor allem für ältere Musik? Diese Frage hat Christian Moster aus der Deutschlandfunk-Nova-Musikredaktion Gesangslehrerin Charlina Dichmann.

Im Gesangsunterricht liegen aktuelle Hits vorne

Ihre Erfahrung: Bei ihren Schüler*innen sind aktuelle Songs sehr beliebt. Die Lagerfeuer-Klassiker, die bei Chordify so häufig gesucht werden, spielen dagegen kaum eine Rolle.

Gerade jüngere Schüler*innen orientieren sich an dem, was sie aktuell hören, sagt die Lehrerin. "Jüngere Schüler wollen singen, was sie gerade auf Tiktok gehört haben. Wenn eine neue Künstlerin rauskommt, die besonders gehyped wird, wie Billie Eilish, dann wollen plötzlich alle Eilish singen." Andere Favoriten seien Adele und Lady Gaga.

"Wenn man zu einem bestimmten Level im Gesang kommt, dürfen die alten Diven im Repertoire nicht fehlen, aber zunächst werden schon eher die jungen Künstlerinnen gewählt."
Charlina Dichmann, Gesangslehrerin

Beim Singen allein scheint die Auswahl also ziemlich aktuell zu sein. Anders sieht es aus, wenn zum Gesang noch ein Instrument dazukommt, analysiert Musikjournalist Christian Moster. "Wer singt und sich gleichzeitig auf der Gitarre oder am Klavier begleitet, möchte oft nicht nur die Melodie eines Songs spielen." Schließlich gehe es darum, den Klang des gesamten Stücks möglichst gut zu treffen.

Wer ein Instrument lernt, greift lieber zu Klassikern

Genau da haben ältere Songs einen Vorteil: Viele von ihnen funktionieren mit klassischen Instrumenten wie Gitarre oder Klavier. Bei aktuellen Popproduktionen dagegen spielen elektronische Sounds, Samples und am Computer programmierte Instrumente eine große Rolle.

Lehrerin Charlina bestätigt das aus ihrem Unterricht: "Ältere Songs sind musikalisch einfacher umzusetzen als die heutigen Produktionen, die eher elektronisch und mit VST-Instrumenten programmiert wurden."

Elektronische Sounds lassen sich mit einer akustischen Gitarre oder einem Klavier eben nur schwer nachmachen, fasst Christian Moster zusammen.

"Wer singt, sich selbst auf der Gitarre begleitet und versucht, einen Song von Billie Eilish zu spielen, wird möglicherweise ziemlich weit vom Original entfernt landen."
Christian Moster, Deutschlandfunk-Nova-Musikredaktion

Da liegt es nahe, sich für einen Song zu entscheiden, dessen Arrangement auch mit traditionellen Instrumenten funktioniert. So kommt man dem ursprünglichen Klang deutlich näher.

Die Vorliebe für alte Songs hat also offenbar auch viel mit der Art des Musizierens zu tun. Wer ambitioniert Gitarre spielt und dazu vielleicht nicht einmal singt, wird sich zwangsläufig auch bei Songs aus den 1980ern und 1990ern umsehen. Wer dagegen mit dem Computer Musik produziert, hat ganz andere Möglichkeiten – und damit auch einen anderen Blick auf aktuelle Musik, fasst der Musikjournalist zusammen.

Wer hingegen mit dem Computer Musik macht, wird sicher herausfinden wollen, wie Produzent*innen heutiger Popmusik bestimmte Sounds oder Beats erzeugen, sagt Christian Moster.

Dass bei Chordify jedoch vor allem die Lagerfeuerklassiker beliebt sind, dürfte also einen einfachen Grund haben: Die alten Hits sind oft schlicht praktischer, sagt Christian Moster. "Sie lassen sich mit den Instrumenten, die wir selbst in der Hand haben, leichter in Musik verwandeln."

Shownotes
Altersbonus
Instrument lernen? Lieber mit Klassikern
vom 24. August 2026
Moderation: 
Christian Schmitt
Gesprächspartner: 
Christian Moster, Musikredaktion