Was das Reeperbahn-Festival schafft, gelingt anderen Musikevents nicht: Ein ausgeglichenes Verhältnis von Musikerinnen und Musikern auf die Bühne zu bringen.

Es ist kein neues Thema, aber es scheint sich auch nicht allzu viel zu bewegen: Die Musikbranche ist männerdominiert. Gender-Pay-Gap und unterschwelliger Sexismus – manche gehen davon aus, dass eine Frauenquote bei Line-ups viel verändern könnte.

Was weltweit für die Musikbranche zutrifft, spiegelt sich auch auf den Festivalbühnen wider. Vergleichsweise stehen viel weniger Musikerinnen hinter dem Mikro und an den Instrumenten als Musiker.

"Die gesamte gesellschaftliche Struktur, die Frauen und Mädchen benachteiligt, spiegelt sich natürlich auch in der Veranstaltungsbranche wider."
Martin Müller, Festival- und Konzert-Booker

Die Keychange-Studie des Reeperbahn-Festivals aus dem vergangenen Jahr gibt Aufschluss darüber, welche strukturellen Faktoren Ursache dafür sein können, dass weniger weibliche und nicht-männliche Musiker auf Bühnen zu finden sind.

In 75 Prozent der Musikunternehmen der Befragten gibt es ausschließlich Männer, die in den verantwortlichen Positionen Entscheidungen treffen, zum Beispiel über Festivals-Line-Ups.

Wenig Bühnenauftritte führen zu geringer Sichtbarkeit

Vereine wie "Music S Woman" setzen sich für die Sichtbarkeit und Netzwerke von Frauen auf Bühnen ein. Ihr Ziel ist es, die Leistung und das Potenzial von Musikerinnen in der sächsischen Musikwirtschaft zu fördern.

Denn auch das hat die Studie von Keychange gezeigt: Die Musikindustrie ist immer noch dominiert durch eine männliche Vetternwirtschaft.

Susann Großmann von Music S Woman geht davon aus, dass das bestehende System der Sichtbarkeit von Musikerinnen schadet. Diese geringe Sichtbarkeit auf den Bühnen sorge dafür, dass der Eindruck entstehe, dass es keine oder eben viel weniger weibliche beziehungsweise nicht-männliche Künstlerinnen gebe.

Klischees fest verankert

Die Keychange-Studie zeigt auch gesellschaftliche Ursachen dafür auf, dass weniger Musikerinnen auf Konzertbühnen performen. Frauen werden beispielsweise wenig bühnentaugliche Rock'n'Roll-Eigenschaften zugeschrieben, lautet ein Ergebnis der Studie.

Das legt den Schluss nahe, dass Bookerinnen und Booker für Festivals vermutlich voreingenommen sind. Um die Einstellung zu Frauen auf Bühnen zu ändern, werden immer wieder Forderungen nach einer selbstverpflichtenden Frauenquote für Konzert und Festivals laut.

Weibliche und nicht-männliche Perspektive in den Blick nehmen

Der Konzert-Booker Martin Müller geht sogar noch einen Schritt weiter: Er spricht sich nicht nur für eine Frauenquote in den Line-ups aus, sondern sagt, dass sich auf allen Entscheidungsebenen in der Musikbranche etwas ändern müsse: In den Labels, den Managements, den Hochschulen und den Booking-Agenturen von Veranstaltern. Hier müsse eine weibliche beziehungsweise nicht-männliche Perspektive stärker vertreten sein.

Auch die Veranstalter des Rock-am-Ring-Festivals sind im vergangenen Jahr wegen ihres Line-ups in die Kritik geraten. Der Anteil der Frauen, die im Team von Rock am Ring arbeiten, ist inzwischen gestiegen, möglicherweise aufgrund der geäußerten Kritik.

*Auf dem Bannerfoto oben auf dieser Seite seht ihr die Sängerin der Band Press Club, Natalie Foster, beim Hurricane Festival 2022.