Händigkeit

Aufräumen mit Mythen über Linkshänder

Es ist Weltlinkshändertag – und da wird es wieder ausgepackt – all das gefährliche Halbwissen über Hirnhälften, Begabungen und leserliche Schreibschrift. Wie es wirklich um Linkshänderinnen und Linkshänder bestellt ist, erklärt uns Sebastian Ocklenburg. Er ist Biopsychologe und forscht zu Gliedmaßenpräferenzen.

Mit welcher Hand wir zupacken, tasten oder streicheln hat erst einmal mit unserem Gehirn zu tun, sagt Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe an der Ruhr Uni Bochum. Bei Linkshändern ist der rechte motorische Kortex, also das Hirnareal, das unsere Bewegung steuert, besonders gut darin, feinmotorische Aufgaben auszuführen. Bei Rechtshändern ist es umgekehrt. Oder um es ganz exakt auszudrücken: Händigkeit ist eine Form von hemnisphärischen Asymmetrien – also Funktionsunterschieden der rechten und der linken Seite unseres Gehirns.

Überholte Mythen

Und jetzt zu den Mythen: Linkshänderinnen oder Linkshänder sind keineswegs kreativer, wie oft zu hören oder zu lesen ist. Zwar gebe es einige ältere Studien aus den 70er und 80er Jahren mit kleineren Stichproben, die so etwas postuliert hätten, sagt Sebastian Ocklenburg. Neuere Studien und auch statistische Integrationen von größeren Mengen von Studien mit Zehntausenden von Probanden kommen allerdings zu einem anderen Schluss. Sie haben die beiden Mythen, Linkshänder seien kreativer oder sogar intelligenter, überprüft. Das Ergebnis: Da ist nichts dran.

"Linkshänder fangen an, den Mythos über sich selbst zu glauben – uns das ist aus psychologischer Sicht sehr interessant."
Sebastian Ocklenburg, Biopsychologe

Einen großen Unterschied gibt es allerdings, sagt Sebastian Ocklenburg. Linkshänder denken, sie seien viel kreativer als Rechtshänder. Das Problem: Wer sich genauer anschaut, wie viel Zeit Linkshänder damit verbringen, Kunst zu erschaffen, Musik zu komponieren oder ein Theaterstück aufzuführen, bemerkt: Im Schnitt machen sie das genauso häufig oder selten wie Rechtshänderinnen oder Rechtshänder.

Mehr Linkshänder bei Tieren

Sehr spannend ist auch ein Blick in die Tierwelt: So gibt es bei Hunden und Katzen sehr viel mehr Tiere, die ihre linke Pfote präferieren, als das bei uns der Fall ist. Bis zu 40 Prozent der Tiere laufen oder kratzen mit links. Bei Menschen sind es nur 9 bis 10 Prozent.

Eine mögliche Erklärung: Es gebe prinzipiell zwei verschiedene Entwicklungspfade, die über links oder rechts entscheiden, sagt Sebastian Ocklenburg. Einer sorgt demnach dafür, dass ein Tier oder ein Mensch prinzipiell eine Händigkeit hat. Aus evolutionärer Perspektive sei das sehr sinnvoll, sagt Sebastian Ocklenburg. Der Hintergrund: Das Gehirn verbraucht sehr viel Energie und daher ist es praktisch, wenn eine Fähigkeit wie die Feinmotorik, nur auf einer Seite gut ausgeprägt ist. Welche Seite das ist, macht hier erst einmal keinen Unterschied.

Rechtshänder haben evolutionären Vorteil

Bei Menschen scheint aber ein weiteres Prinzip zu greifen: So haben Biopsychologen festgestellt: Beim Herstellen von komplexen Werkzeugen ist es von Vorteil, Rechtshänder zu sein. Offenbar war es schon in der Steinzeit beim Zuschlagen von Faustkeilen hilfreich, wenn sowohl der Lehrmeister, als auch sein Schüler dieselbe Händigkeit hatten. Andernfalls mussten Nachwuchsfaustkeilproduzenten spiegelverkehrt lernen. Eine Erklärung, worum es heute mehr Rechtshänder gibt.

Warum dann trotzdem einige Linkshänder die Härten der Steinzeit überdauert haben – auch dafür gibt es einige Theorien. Eine sehr verbreitete, beruht darauf, dass Linkshänder in einer ganzen Reihe von Sportarten deutlich besser als Rechtshänder sind. Etwa bei Kampf- oder Interaktionssportarten wie Boxen oder Fechten. Die Erklärung: Der Gegner kann eine Attacke mit der linken Hand schlechter ausrechnen. In evolutionären Zeiträumen gedacht heißt das: Linkshänderinnen oder Linkshänder haben einen Vorteil, solange es sie nicht zu oft gibt.