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Es ist Herbst. Womöglich ergeben sich jetzt mehr Gelegenheiten zum Lesen. Wer wenig Zeit hat: Es gibt auch kurze Geschichten. Der vielleicht beste Kurzgeschichtenband des Jahres 2020 stammt von Jonas Eika mit "Nach der Sonne".

Die Kurzgeschichten im Buch "Nach der Sonne" von Jonas Eika lösen akute Gänsehaut aus. Wie das Frösteln, das einen durchfährt, wenn mit einem Mal die Sonne weg ist.

Dann nimmt Jonas Eika uns an die Hand und taucht mit uns in die Dunkelheit ab. In eine Zockerhöhle in Kopenhagen. Zu den Beach Boys an einen Strand von Mexiko. In den Sog eines unbekannten Flugobjekts in der Wüste Nevadas. Und nach London, in eine aufgeräumte Wohnung mit einem Loch in der Wand.

Es sind fünf Geschichten, die Jonas Eika auf gut einhundertfünfzig Seiten erzählt. Zum Beispiel:

Alvin und der Banker ohne Bank

Ein namenloser Ich-Erzähler stellt bei seiner Ankunft in Kopenhagen fest, dass die Bank, für die er arbeitet, nur noch ein Trümmerhaufen aus Stahl, Marmor und Glas ist. Es habe in der Nacht eine Explosion gegeben. Mehr erfährt der Mann nicht.

In einem Café gegenüber der Ruine wird er plötzlich von einem ungesund blass aussehenden jungen Typen in ein Gespräch verwickelt: Alvin.

Keine zwei Stunden später sitzen die beiden Männer in Alvins Einzimmerwohnung unter dem Dach, rauchen selbstgedrehte Zigaretten, balancieren abwechselnd Alvins Notebook auf ihren Bäuchen und schließen online Geschäfte ab.

Sie verlassen tagelang nicht das Haus und reden wenig. In ihre Beziehung kommt erst wieder Bewegung, als Alvin beschließt, nach Rumänien zu reisen. Sein Gast wird ihn begleiten – und dabei den letzten Rest seiner Orientierung verlieren.

Antonio und das Ding

Auch Antonio weiß nicht mehr, wo vorne und wo hinten ist. Seit er und seine Frau Fay vor sechs Jahren nach Rachel gezogen sind, einem Trailerpark in der Wüste Nevadas, geht Fay jede Woche zum UFO-Verein und sucht sowohl in der Wüste, als auch in der Bibel nach Aliens. Antonio hält das für Unsinn, vielleicht noch für Trauerarbeit, denn ihre beiden Töchter sind an Krebs gestorben. Aber dann entdeckt Antonio eines Tages ein seltsam brummendes Ding in der Wüste.

Rund um den ″Sender″, wie er das Ding nennt, haben sich Tiere versammelt. Dicht gedrängt schmiegen sich Böcke, Hasen und Echsen einträchtig an die pulsierende Oberfläche.

Antonio braucht drei Jahre, bis er den Entschluss fasst: Wenn er verstehen will, wie das Ding funktioniert, muss er Teil davon werden.

Das Buch

Jonas Eika: ″Nach der Sonne″ (OT: „Efter Solen“), Kurzgeschichten, aus dem Dänischen übersetzt von Ursel Allenstein, Hanser Berlin, 155 Seiten, gebundene Ausgabe/Hardcover: 20 EUR, E-Book: 15,99 EUR; ET: 17.08.2020.

Jonas Eika, geboren 1991, erhielt 2019 für seinen Erzählungsband ″Nach der Sonne″ den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates.