Ian war einer der schwersten Hurrikans in der Geschichte Floridas. Um den besonders betroffenen Menschen möglichst schnell helfen zu können, hat man in den USA zum ersten Mal auf die Unterstützung durch Künstliche Intelligenz gesetzt – und zwar per Push-SMS aufs Handy.

Ian war sogar vom All aus zu erkennen, so riesig war er. Ende September ist er mit Sturmfluten und Starkregen über den Westen Kubas und den Südosten der USA hinweggefegt, vor allem über Florida und South Carolina. Dabei hat er enorme Schäden angerichtet. Stand jetzt sind über 100 Menschen ums Leben gekommen. Über 750.000 Häuser hatten zwischenzeitlich keinen Strom mehr.

Wer benötigt am schnellsten Hilfe?

Eine entscheidende Frage, die sich für die Behörden und Hilfsorganisationen stellte, war die nach der Priorisierung der vielen Hilfsbedürftigen. Um besonders schnell die Menschen zu erreichen, die Hilfe am nötigsten hatten, hat die US-Hilfsorganisation Givedirectly die Auswahl der Betroffenen an den Computer delegiert – genauer gesagt an einen Algorithmus, den Google entwickelt hat.

"Die US-Hilfsorganisation Givedirectly hat die Auswahl der besonders Hilfsbedürftigen an einen Algorithmus delegiert, den Google entwickelt hat."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Auf Grundlage der Satellitenbilder hat die Google-Software zunächst einmal anhand von Vorher-Nachher-Aufnahmen ausgewertet, welche Gebiete Floridas besonders stark betroffen waren.

Anschließend wurde mit den Datenbanken abgeglichen, wer dort lebt – und es wurde geschaut, wer schon in normalen Zeiten auf Lebensmittelcoupons angewiesen ist. Diese Personengruppe ließ sich über die App "Providers" erfassen, die von den Nutzer*innen zur Verwaltung dieser Coupons genutzt wird. So bekam die US-Hilfsorganisation Givedirectly die Kontaktdaten samt Mobilnummern der betroffenen Personen.

Knapp 700 Dollar Soforthilfe

Aus dem Zusammenspiel dieser Faktoren wählte der Algorithmus schließlich 3.500 Opfer des Hurrikans aus. Sie alle wurden per Push-SMS darüber informiert, dass sie Anspruch auf knapp 700 US-Dollar Soforthilfe hätten, die bereits wenige Tage später ausgezahlt würden.

"Über die klassische Methode, dass Helfende von Haus zu Haus gehen und Listen von Anspruchsberechtigten erstellen, hätte man die 3.500 Betroffenen nicht in so kurzer Zeit zusammenbekommen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Laut dem IT-Magazin Wired, das als erstes darüber berichtete, haben schon jetzt mehr als 900 Betroffene das Angebot angenommen. Fest steht: Über die klassische Methode, von Tür zu Tür zu gehen, hätte man die 3.500 Hilfsbedürftigen nicht so schnell zusammenbekommen.

Unser Netzreporter hält den Einsatz der KI an dieser Stelle für sinnvoll. Natürlich muss man aber noch die anschließenden Auswertungen abwarten, die für diesen konkreten Fall noch gemacht werden.

Erfahrungen aus Togo

Es gibt bereits gewisse Erfahrungswerte mit dem Google-Algorithmus. In den USA wurde er jetzt zwar erstmals eingesetzt, doch während der Corona-Pandemie gab es bereits Testläufe in Togo: In dem kleinen afrikanischen Land wurde über Satellitenbildauswertungen geschaut, welche Menschen besonders von Armut betroffen sind und schnell Hilfe benötigen.

Die Treffsicherheit liegt einer Studie über den Einsatz von KI bei der Katastrophenhilfe zufolge in einer Spanne von 85 bis 98 Prozent: Der Computer sucht also mit größter Wahrscheinlichkeit die gleichen Hilfsbedürftigen aus wie die Teams vor Ort.

Nachteile der KI-gesteuerten Hilfe

Natürlich gibt es aber auch Nachteile. Zum Beispiel erreicht man mit einem solchen System natürlich nur die Menschen, die aktiv ein Handy benutzen. Das schließt all diejenigen aus, die kein Smartphone haben.

Ein weiterer Punkt: Die KI-gestützte Auswahl der Betroffenen ist natürlich am Ende eine sehr anonyme Form der Hilfe. Gerade in Notsituationen ist ja aber der Kontakt von Mensch zu Mensch sehr wertvoll – und aus psychologischer Sicht selbst Teil der Hilfe.

Für die Soforthilfe ist die KI-gestützte Auswahl aber zumindest interessant – und eben sehr schnell. Bei der langfristigen Hilfe kommen dann auch die Menschen wieder ins Spiel: Fachleute müssen vor Ort entscheiden, ob und wieviel Geld die Betroffenen von ihren Versicherungen erhalten.

Bei Hurrikan Ian rechnen Fachleute übrigens mit einem Rekordschaden von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Es besteht sogar die Gefahr, dass einige Versicherer das nicht stemmen können und pleite gehen.

  • Kurz und Heute
  • Moderation:  Jenni Gärtner
  • Gesprächspartner:  Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter