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In den sozialen Medien wurden in den vergangenen Tagen weniger Falschinformationen verbreitet und geteilt. Anscheinend auch, weil Donald Trump zum Beispiel auf Twitter gesperrt wurde. Doch welche Verantwortung die sozialen Medien tragen, ist nicht einfach zu beantworten, findet Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat.

Allein auf Twitter sind rund 89 Millionen Follower @realdonaldtrump, dem privaten Account von noch US-Präsident Donald Trump, gefolgten. Sie haben seine Falschbehauptungen und "alternativen Fakten" anscheinend massiv weiterverbreitet. Als Reaktion auf die Ausschreitungen rund um das Kapitol am 6. Januar hat der Kurznachrichtendienst Twitter den Account zunächst für 12 Stunden und seit dem 7. Januar dauerhaft gesperrt. Die Begründung: "Risiko einer weiteren Anstiftung zur Gewalt" eindämmen.

Ob diese Maßnahme eine Auswirkung hat, hat eine Studie des US-Medienforschungsunternehmen Zignal Labs, über die die Washington Post berichtet, untersucht. Die Forschenden haben sich verschiedene soziale Netzwerke nach der Twitter-Sperre von Donald Trump im Zeitraum vom 9. bis 15. Januar angeschaut.

Trump-Sperre: "Wahlbetrug" ist seltener Thema

Gezählt wurden, wie oft Falschinformationen rund um die Präsidentschaftswahl verbreitet wurden. Die Studie kommt zu folgendem Ergebnis: Nach der Sperre von Donald Trump sind Posts sowie Diskussionsstränge zum Thema "Wahlbetrug" um 73 Prozent zurückgegangen – von 2,5 Millionen auf 633.000. Auch Hashtags wie #FightForTrump, #HoldTheLine oder Formulierungen wie "March for Trump" sind sogar um 95 Prozent weniger geworden.

Ob der Rückgang direkt auf die Sperre Trumps zurückzuführen ist, ist nicht eindeutig zu beantworten. Die Frage ist auch, wie aussagekräftig die Zahlen von Likes, Retweets und Hashtags überhaupt sind. Viele Userinnen und User leiten fast reflexartig Posts weiter. Auch nicht alle, die Posts über den Verschwörungsmythos QAnon online weiterleiten, dürften den Unsinn ernsthaft glauben, meint Michael.

"Es ist klar, viele Leute verbreiten Sachen in ihrem Feed reflexartig weiter. Das dauert eine Sekunde."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Zugleich haben Positionen, wenn sie in den sozialen Medien stark vertreten und sehr präsent sind, Auswirkungen: Laut einer Umfrage vom 17. Januar des US-Senders NBC, glauben 38 Prozent der US-Bürgerinnen und Bürger, dass Social Media allein oder überwiegend verantwortlich sei für den Sturm auf das Kapitol. Weitere 41 Prozent finden, die sozialen Medien seien "zumindest irgendwie" verantwortlich.

"Doch: Wenn bestimmte Positionen durch eine gewaltige Anzahl von Posts präsent und sichtbar sind, dann hat das auch Auswirkungen."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Wie viel Schuld tragen also die sozialen Medien an der Verbreitung von Falschinformationen und Polarisierung? In der Studie von Zignal Labs heißt es, die sozialen Netzwerke seien ein "machtvolles, durchorganisiertes Falschinformations-Ökosystem". Die politische Konsequenz wäre dann, dieses "Ökosystem" zu kontrollieren. "Entsprechende Inhalte müssten dann nicht nur kurz vor Wahlen, sondern immer geblockt werden", sagt Michael. Auch die Accounts von entsprechenden Multiplikatoren müssten auf Dauer gesperrt werden.

Deplatforming: dauerhaft Personen oder Gruppen ausschließen

Dieses sogenannte "Deplatforming" könnte jedoch Andersdenkende darin bestärken, dass es eine Verschwörung gegen sie gibt. Dass sie quasi aus Debatten herausgehalten werden sollen. Trotz Ausschluss existieren verschiedene politische und ideologische Positionen aber weiter – teilweise eben auch radikale, rassistische und/oder gewaltbereite. "Ich bin da selbst auch total gespalten, was die Rolle des Netzes ist", sagt Michael. Sicherlich sei das Netz eine Verstärkungsmaschinerie für Extrempositionen, die sonst nicht solch eine Verbreitung finden würden.

"Aber, dass es den gesellschaftlichen Konsens einer Mehrheit gibt oder eben eine stark polarisierte Gesellschaft – dafür sind die sozialen Medien, glaube ich, erst einmal nicht hauptverantwortlich", sagt Michael.