Wer wohnt da eigentlich nebenan? Viele Nachbarn kennen wir nicht. Dennoch bekommen persönliche Dinge von ihnen mit und basteln uns ein Bild daraus.

Im Jahr 2011 ist Ronny in ein Hochhaus in Berlin gezogen: Friedrichshain, 5. Stock. Ganz oben in der 18. Etage lag die Wohnung von Chris. Die beiden sind sich zwar immer wieder mal im Haus begegnet, aber so richtig kennen gelernt haben sich dabei nicht.

"Man hat sich im Fahrstuhl getroffen, so wie das in einem Achtzehn-Geschosser so ist. Und da sagt man sich einfach guten Tag."
Ronny, der eine ungewöhnliche Nachbarschaftsgeschichte erlebt hat

Ein typisches Verhältnis zwischen Nachbarn. Man sieht sich, man kennt sich – mehr ist nicht. Zwei Jahre lang geht das so. Und zwei Jahre hatte Ronny Zeit, sich ein Bild von seinem unbekannten Nachbarn zu machen. "Er passte einfach nach Berlin-Friedrichshain. Ein cooler, unangepasster Typ", das sagt Ronny über Chris.

Netter Kerl, groß, blond, breitschultrig und tätowiert bis an die Unterarme. Dass er seine Brötchen höchstwahrscheinlich nicht am Bankschalter verdient, das war offensichtlich. Was er aber tatsächlich macht, das hat man ihm auch nicht angesehen: Chris ist bei der Polizei.

Wer in einem Hochhaus lebt, hat - je nach Anzahl der Stockwerke - gleich ein paar Dutzend Nachbarn, die wir vom Sehen her kennen und über die wir ein bisschen was wissen. Der alte Mann am Fenster, der immer raucht. Oder die Frau von oben links, die manchmal nachts um eins noch Klavier spielt.

Details werden in unserer Phantasie zu Lebensgeschichten

Aus solchen Kleinigkeiten bauen wir uns dann ganze Lebensgeschichten zusammen und denken, dass wir die Leute kennen. "Weil es natürlich auch spannend ist, in die Geheimnisse oder die Biographien anderer Menschen einzudringen", sagt Axel Petermann. Sein Beruf war es 20 Jahre lang, sich aus wenigen Informationen ein Bild von einer unbekannten Person zu machen. Er war nämlich Profiler, Fallanalytiker bei der Polizei in Bremen. Inzwischen ist er pensioniert. "Aber wenn ich mit Menschen zu tun habe, dann frage ich mich schon, warum diese Person sich in dem Moment gerade so verhält", sagt er. Und er meint, dass unser Gehirn gar nicht anders kann, als sich aus einzelnen Informationen über die Nachbarn ein komplexes Bild zusammen zu schustern.

"Vielleicht ist das noch was, das wir aus der Vergangenheit noch mit in das Heute mit rübergenommen haben. Kann ich demjenigen Vertrauen? Habe ich möglicherweise Gefahren zu erwarten?"
Axel Petermann, ehemaliger Profiler

Bei Ronny und Chris war es ganz offensichtlich Interesse am anderen. Irgendwann haben sie sich am Kiosk getroffen und beschlossen, mal zusammen ein Bier zu trinken. Dabei haben sie dann festgestellt, dass sie aus der gleichen Gegend kommen.

Ronny erinnert sich noch genau an diesen Abend: "Nach zwei Stunden und dem ersten Bier kam man auch auf das Familienthema. Und da ist es dann zur Sprache gekommen, dass ich noch einen Bruder habe, von dem ich weiß, dass es den gibt. Aber den hab ich noch nie gesehen. Der ist bei der Geburt zur Adoption freigegeben worden." Und dann hat Chris gesagt: Jetzt erzähl ich dir mal meine Geschichte. Die war sehr ähnlich und endete damit, dass er bei der Geburt zur Adoption freigegeben worden ist.

"Und dann hat er gesagt: Jetzt erzähl ich dir mal meine Geschichte."
Ronny, der eine ungewöhnliche Nachbarschaftsgeschichte erlebt hat

Chris hatte inzwischen herausgefunden, wie seine Mutter heißt. "Ja, das ist mein Geburtsname, hab ich zu ihm gesagt", erzählt Ronny. Und so haben die beiden zwei Jahre lang in Berlin – einer Stadt mit mehr als 3,5 Millionen Einwohnern – im selben Haus gewohnt. Als Nachbarn, als Fremde, ohne zu wissen, dass sie eigentlich Brüder sind.

Hier könnt ihr eine lange Version von Ronnys und Chris' Geschichte hören.