Schokolade ist einfach lecker, jedenfalls finden das die meisten. Im Schnitt essen wir zweieinhalb Tafeln Schokolade pro Woche. Leider garantieren die wenigsten Marken, dass in der Schokolade keine Kinderarbeit steckt und kein Regenwald dafür abgeholzt wurde.

Der Schokoladen-Weltmarkt wird von wenigen großen Weltkonzernen beherrscht, sagt der Wirtschaftsjournalist Nicolas Lieven. Allein Nestlé, Mars, Mondelēz (dazu gehört Milka), Hershey's und Ferrero beherrschen laut des gemeinnützigen Vereins Inkota-Netzwerk 60 Prozent des globalen Schokoladenmarktes. Ungefähr zehn Riesenkonzerne machen im Jahr einen Umsatz von rund 110 Milliarden US-Dollar mit Schokolade, sagt Nicolas Lieven. Manche Quellen sprächen sogar von 140 bis 150 Milliarden Dollar.

Dazu kommt noch der Handel, sodass fast 80 Prozent des globalen Umsatzerlöses aus dem Schokoladenverkauf an die Hersteller und den Handel gehen. Auch Zwischenhändler, Verarbeiter und Vermahler sowie staatliche Behörden verdienen mit. Laut Inkota-Netzwerk landen bei den Kakaobauern und -bäuerinnen so lediglich 6,6 Prozent des Erlöses.

"Wer hinten herunterfällt, das sind die Bauern."
Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist

Auch an anderer Stelle ist es mit Fairness nicht weit her: Zwar gebe es schon jahrzehntealte Abkommen, in denen die Konzerne sich zu nachhaltiger Produktion, Schutz des Regenwalds oder Verbot von Kinderarbeit geeinigt haben. Davon übrig geblieben sind aber nur noch ein paar Pilotprojekte, sagt Nicolas Lieven. Angeblich könnten die Hersteller nicht sicherstellen, dass keine Kinder bei der Kakaoproduktion arbeiten. Denn die Großkonzerne kauften bei Zwischenhändlern und nicht direkt bei den Produzenten ein. Deshalb hätten sie darauf keinen Einfluss. Würden sie aber ihre Kriterien ernsthaft durchsetzen, dann würde es für die Konzerne richtig teuer werden, meint der Wirtschaftsjournalist.

Schokoladenhersteller wollen keinen fairen Kakaopreis zahlen

Und: Weltweit gibt es 5,5 Millionen Kakaobäuerinnen und -bauern, schreibt Inkota. Darunter seien aber nur 200.000, die Fairtrade-Kakao produzieren und anbieten, sagt Nicolas Lieven. "Die werden ihren Kakao zum Großteil noch nicht mal los", ergänzt er. Denn dieser Kakao ist teurer als konventionell hergestellter, also unter unfairen Bedingungen, mit Kinderarbeit und Umweltzerstörung. Die Konzerne schauen auf den Preis und kaufen den günstigen, nicht fairen Kakao.

Zehnjähriger Junge aus Ghana spricht mit unserer Korrespondentin Dunja Sadaqi
"Es ist eine sehr schwierige Arbeit, aber ich mache sie, um meine Mutter zu unterstützen. Manchmal schneide ich mich und ich hole mir alle möglichen anderen Verletzungen. Ich glaube nicht, dass ich mal irgendetwas erreichen werde. Die Kakaoarbeit hat mir mein Leben genommen."

In Ghana schätzt man, dass über 700.000 Kinder auf Kakaoplantagen arbeiten, sagt unsere Korrespondentin Dunja Sadaqi. In den beiden westafrikanischen Ländern Ghana und Elfenbeinküste zusammen sind es mehr als 1,5 Millionen Kinder, die in der Kakaoproduktion arbeiten. Obwohl in beiden Ländern Kinderarbeit verboten ist. Doch die Kinderschutzgesetze würden kaum überwacht und durchgesetzt. Strenge Kontrollen würden teils eher dazu führen, dass die Kinder versteckt auf Plantagen arbeiten, wodurch es für sie noch gefährlicher werde.

Milliardengewinne statt Kinderschutz

Viele einkommensschwache Familien sagen, dass die Kinder mithelfen müssen. Oft fehle den Kakaobauern das Geld, um erwachsene Erntehelfer zu bezahlen. Menschenrechtsorganisationen prangern die großen Schokoladenhersteller an, die schon längst in ihren Lieferketten dafür hätten sorgen können, dass Kinderarbeit abgeschafft ist.

Unsere Korrespondentin Dunja Sadaqi im Gespräch mit Anna Kohn am 10. Dezember 2022
"Das ist genau der Hauptkritikpunkt: Wenn sie so viele Milliardengewinne einfahren, wieso haben sie Kinderarbeit nicht einfach endgültig abgeschafft in der Kakaoproduktion?"

Die Riesenkonzerne fahren Milliardengewinne ein und profitieren von dem niedrigen Weltmarktpreis für Kakao, sagt Nicola Lieven, während sich die sozialen und ökologischen Probleme in den Herstellerländern verschärfen. Laut Inkota sei der Kakaopreis seit 1980 inflationsbereinigt um die Hälfte gesunken. Starke Preisschwankungen machten das Einkommen der Bäuerinnen und Bauern unsicher. Beispielsweise hätten extrem gute Ernten wie 2015 und 2017 dazu geführt, dass der Kakaopreis um 40 Prozent gefallen sei. Missernten, Schädlingsbefall und Spekulationen an den Rohstoffbörsen würden zu Preisanstiegen führen. Für die Bäuerinnen und Bauern bringt das eine große Planungsunsicherheit mit sich oder "ein existenzielles Desaster", so Inkota, Konzerne hingegen könnten sich gegen solche Preisschwankungen absichern.

Unwirksame Abkommen für Preisstabilität

Schon 1972 wurde ein internationales Kakao-Abkommen verabschiedet, um die Produzenten vor extremen Preisschwankungen zu schützen, erinnert Nicola Lieven. "Daraus ist ehrlich gesagt, überhaupt nichts geworden", sagt er, auch wenn das Abkommen über Jahre immer wieder erneuert wurde. 2020 haben Ghana und die Elfenbeinküste, die beiden Hauptanbaugebiete für Kakao, den Kakaopreis staatlich festgelegt. Pro Tonne Kakao sollten 400 Dollar über dem Marktpreis gezahlt werden, um so den Kakaoproduzierenden eine gewisse Sicherheit zu bieten.

Aber selbst eine hohe Preisgarantie stelle nicht sicher, dass am Ende bei den Kakaobäuerinnen und -bauern mehr Geld ankommt. So kritisiert Inkota diesen Kakaofestpreis, den "Living Income Differential", in Ghana und Elfenbeinküste, weil er wenig transparent sei, genauso wie die staatlichen Ausgaben und Subventionen in den Kakaosektor, und die Kakaoproduzierenden wenig Einfluss darauf hätten.

Echte faire Schokolade

Wer nun bewusst beim Einkauf auf nachhaltige und faire Schokolade achten will, muss genau lesen, was auf der Verpackung steht, rät der Wirtschaftsjournalist. Der Begriff "nachhaltig" werde oft missbraucht und viele Schokoladenhersteller würden reines Greenwashing betreiben, satt tatsächliche nachhaltige und faire Kriterien zu erfüllen.

Hersteller, die faire Schokolade anbieten, findet ihr beispielsweise auf der Plattform Utopia. Darunter sind Hersteller wie Zotter und Gepa. Selbst bei Fairtrade-Schokolade solltet ihr kritisch aufs Kleingedruckte achten, denn das Siegel verspricht nicht zu 100 Prozent fairen Handel, sagt Nicolas Lieven. Hersteller würden das Siegel schon ab 21 Prozent fairen Schokoladenanteilen bekommen. Wem allerdings 100 Prozent fair wichtig ist, muss dann auch einfach mehr für die Schokolade bezahlen.

  • Moderatorin:  Anna Kohn
  • Gesprächspartner:  Nicolas Lieven, Wirtschaftsjournalist