Rund zwei Drittel der Deutschen haben schonmal Klamotten aus zweiter Hand gekauft. Die Zahlen sind deutlich gestiegen, Secondhand-Mode ist angesagt. Auch große Modeketten setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit - auch, um neue Kaufanreize zu setzen.

Der Modehändler AboutYou setzt auf Nachhaltigkeit – und unter anderem auch auf Secondhand-Mode. Der Umsatz des Unternehmens ist zuletzt deutlich gewachsen, wie gerade bekannt wurde.

Laut dem Secondhand Fashion Report 2022, für den der Recommerce-Anbieter Momox Fashion und das Marktforschungsinstitut Kantar zwei Umfragen durchführten, haben 84 Prozent der Befragten statt eines neuen Kleidungsstücks zuletzt ein gebrauchtes gekauft. Und rund zwei Drittel der Deutschen (67 Prozent) haben 2021 generell schon einmal Klamotten aus zweiter Hand gekauft.

"Rund zwei Drittel der Deutschen haben 2021 generell schon einmal Klamotten aus zweiter Hand gekauft."
Nik Potthoff, Deutschlandfunk Nova

Das ist ein großer Sprung gegenüber dem Jahr davor. Die Menschen scheinen zu verstehen, dass sie auch selbst etwas an ihrem Kaufverhalten ändern müssen. Das ist aber nicht der einzige Grund, berichtet Nik Potthoff von Deutschlandfunk Nova.

Schluss mit Fast Fashion

In der Studie haben viele Leute gesagt, dass für sie Nachhaltigkeit eine große Rolle spielt – aber auch, dass Second Hand Mode eben günstiger ist. Dazu kommt, dass neben der Nachfrage – und wegen der Nachfrage – natürlich auch das Angebot gestiegen ist. Immer mehr große Firmen haben Second Hand für sich entdeckt: ob H&M, AboutYou oder Zalando – in den Onlineshops finden sich eigene Second-Hand-Bereiche.

"Wir müssen nicht mehr nach Second-Hand-Läden suchen, um nach verlorenen Schätzen mit Charme zu wühlen. Das geht inzwischen auch online."
Nik Potthoff, Deutschlandfunk Nova

Gerade bei größeren Mode-Unternehmen hört man oft die Kritik, dass diese nicht wirklich nachhaltig denken, sondern eher immer möglichst schnell neue Kollektionen raushauen – zu niedrigen Preisen.

Dass hier gerade ein Umdenken stattfindet, ist die große Hoffnung, sagt Nik Potthoff. Zalando hat zum Beispiel vor zwei Jahren angekündigt, innerhalb von 50 Jahren 80 Prozent seiner Kohlenstoffemissionen einsparen zu wollen. Um das zu erreichen, ist Second Hand eine gute Strategie.

Konzerne kommen am Thema Nachhaltigkeit gar nicht mehr vorbei

Expert*innen glauben aber nicht so recht daran, dass dies das einzige Motiv ist. Die großen Konzerne hätten eher verstanden, dass sie am Thema nachhaltige Mode sowieso nicht vorbeikommen – und dementsprechend entschieden, es für sich zu nutzen.

Einige Konzerne bieten zum Beispiel an, alte Kleidung nicht wegzuwerfen, sondern in den Läden wieder zu verkaufen. Modemarken-Experte Jochen Strähle sieht darin oft eine Strategie: Die Kleiderschränke der Kund*innen seien voll. Die Motivation für solche Aktionen liege einfach darin, dass die Anbieter wissen, dass sie neue Bekleidung nur dann verkaufen können, wenn sie alte zurücknehmen. Gegen Gutscheine zum Beispiel.

"Wenn ich meine Konsumenten auf meine Plattform locke, indem ich ihnen Gutscheine gebe für alte Kleidung, habe ich sofort eine Chance, ihnen etwas Neues zu verkaufen."
Jochen Strähle, Modemarken-Experte

Gleichzeitig würde der Laden auch noch Werbekosten sparen. Denn die Kund*innen würden ja automatisch kommen, wenn sie ihre alten Sachen loswerden wollen.

Kleidung ist kein Wegwerfprodukt

Mit Second Hand Mode verdienen die Unternehmen zwar weniger Geld als mit Neuware, aber sie ist definitiv besser als Fast Fashion. Jochen Strähle rechnet damit, dass Verbraucherinnen und Verbraucher zukünftig vermehrt darauf achten werden, schon von Anfang an nicht das Drei-Euro-Shirt zu kaufen, sondern Kleidung mit guter Qualität.

"Das sehen wir im Automobilmarkt und in anderen Bereichen auch, wo Menschen sagen: Hey, wenn ich das weiterverkaufen will, achte ich auf bestimmte Marken oder bestimmte Qualität. Und dann wird Kleidung nicht mehr zum Wegwerfprodukt."
Jochen Strähle, Modemarken-Experte

Damit diese Rechnung aufgeht, müssten wir unseren Konsum allerdings auch 1 zu 1 umstellen. Wenn wir also ein altes T-Shirt wegschmeißen, können wir uns dafür ein neues nachkaufen – aber eben nicht gleich fünf günstige Second-Hand-Shirts.

Problem Onlineversand

Doch ganz egal, was wir jetzt auch kaufen – der Onlineversand droht die ganze schöne Nachhaltigkeit wieder kaputtzumachen. Die gute Nachricht: Auch dafür gibt es natürlich Lösungen beziehungsweise Verbesserungsvorschläge. Umweltschutzorganisationen fordern zum Beispiel für den kompletten Online-Handel den Mehrweg-Versand. In China sei dieser längst eingeführt, sagt Viola Wohlgemut von Greenpeace.

Große Mengen an Mehrweg-Kartons und Verpackungen seien im Umlauf. Selbst in Österreich gebe es Pilotprojekte der Post. Genau diese Ansätze müssten möglichst schnell auch in Deutschland umgesetzt werden.