Viele Experten sind sich einig, dass der Islamische Staat zwar zurückgedrängt ist, aber noch nicht vollständig besiegt. Eine internationale Allianz trifft sich, um zu beraten, wie es weiter geht. Der Nahost-Experte Guido Steinberg sagt: Der Rückzug der USA ist nicht zu verkraften.

Vom sogenannten "Islamischen Staat" ist inzwischen wenig zu hören. Ist das ein gutes Zeichen oder eher beunruhigend? Heute (06.02.) trifft sich die Internationale Allianz, um zu beraten, wie es weitergehen soll.

Die Internationale Allianz gegen den Islamischen Staat, bestehend aus mehreren Ländern, hatte sich vor ein paar Jahren gegründet, um gegen die Terrormiliz IS vorzugehen. Die Anti-IS-Koalition habe große Erfolge verbuchen können und fast alles erreicht, was sie wollte, sagt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Befreites Territorium

Es sei darum gegangen, das "quasi staatliche Territorium", das der IS 2014 eingenommen hatte, zu beseitigen. Die Terrormiliz beherrschte bis 2016/2017 weite Teile Ostsyriens und des Nordwestirak. Bis auf wenige Quadratkilometer sei dieses Territorium nun befreit, so Steinberg. Der IS sei stark geschwächt und verfüge nur noch über wenige tausend Kämpfer. Diese seien am Fluss Euphrat, im Osten Syriens an der irakischen Grenze, eingekesselt.

"Der IS ist stark geschwächt und verfügt nur noch über wenige tausend Kämpfer. Das ist ein großer Erfolg."
Guido Steinberg, Nahost-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Der Erfolg habe sich auch konkret auf die terroristische Aktivität ausgewirkt. Von 2014 bis 2017 habe es in Europa Anschläge gegeben, für die der IS verantwortlich war. Mittlerweile seien, wenn überhaupt, nur noch Einzeltäter aktiv.

Gefahr besteht fort

Das US-Verteidigungsministerium warnt vor einem Wiedererstarken des IS - gleichzeitig haben die Amerikaner aber ihren Rückzug aus Syrien angekündigt. Das sei "vollkommen widersprüchlich" und man könne es "nicht aus der Sache heraus erklären", analysiert Steinberg. 

Der US-Präsident habe das Thema mehrfach für "erledigt" erklärt und damit den Abzug der US-Truppen begründet. Zum Glück, so Steinberg, gebe es aber auch in den USA Spezialisten wie General Joseph Votel, der darauf hingewiesen hat, dass die Faktenlage eine völlig andere ist. Ebendiese genieße in der Politik des US-Präsidenten aber häufig keine große Bedeutung, so Steinberg.

"Die Faktenlage spielt im Moment in der amerikanischen Politik nicht immer eine wichtige Rolle."
Guido Steinberg, Nahost-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik

Die meisten Experten seien sich einig darin, dass der IS zwar geschwächt sei - allerdings auch weit davon entfernt, zerschlagen zu sein. Er sei zum Beispiel im Irak noch vertreten. Wenn die Amerikaner wie geplant abziehen oder in der Umgebung etwas Unvorhergesehenes geschehe - etwa zwischen Türken und Kurden - gebe es Anlass zur Sorge, dass der IS auch wieder schnell erstarken kann.

"Ausstieg der USA nicht zu verkraften"

Die anderen Mitglieder der Anti-IS-Allianz könnten den Ausstieg der USA nicht verkraften, glaubt Steinberg. Denn obwohl das über 70 Staaten sind: Militärisch seien sie "denkbar schwach". Die militärische Hauptlast liege bei zwei Akteuren: zum einen bei den USA mit ihren Spezialkräften, ihrer Luftwaffe und ihren Drohnen, zum anderen bei den syrischen Kurden, die allein über 10.000 gefallene Kämpfer und Kämpferinnen zu beklagen hatten, so Steinberg.

In einer solchen Situation dürften sich "Staaten wie Deutschland, die so gut wie nichts beigetragen haben", auch nicht wundern, so Steinberg, dass sie, wenn die Amerikaner eine solche Entscheidung fällen, im Grunde ihren Einfluss darauf verloren haben.

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