Tote Tiere, etwa nach einem Wildunfall, werden bei uns entfernt. Ein
Tierökologe fordert, die Kadaver in der Natur liegen zu lassen. Das
würde dem Ökosystem nützen und die Biodiversität fördern.

Einen leblosen Tierkörper sehen die meisten beim Spaziergang in der Natur wahrscheinlich selten. Das liegt daran, dass die Kadaver vorher oft weggeräumt werden, von Förster*innen zum Beispiel. Sie kümmern sich etwa um die Tiere, die bei einem Wildunfall umgekommen sind. Dabei würde der Tierkörper dem Ökosystem dort helfen und die Biodiversität fördern. Wir sollten die toten Tiere deswegen in der Natur liegen lassen, fordert der Tierökologe René Krawczynski. Er hat sich auf die Erforschung von Kadavern spezialisiert.

Futterquelle für alle Waldbewohner

Ein totes Wildschwein kann zum Beispiel Raben als Futterquelle dienen. Wenn viele der Vögel dort unterwegs sind, wo der Kadaver liegt, würde es ungefähr eine Woche dauern, bis die Raben das Wildschwein aufgefressen hätten.

Ähnlich wie Raben sind es vor allem Vogelarten, denen das Aas zugutekommt, erklärt der Tierökologe, aber auch andere Säugetiere und Reptilien können sich davon ernähren. Sie profitieren zusätzlich noch von den Insekten, die der Kadaver anlockt. Im Herbst zieht das Aas zum Beispiel Fliegen und ihre Maden an, im Winter und Frühling eher Käfer. Ameisen und Wespen kommen noch hinzu.

"Allein bei den Wirbeltieren in Mitteleuropa haben wir inzwischen 107 Arten, die entweder direkt vom Kadaver fressen oder sich von den Insekten ernähren, die sich dort entwickeln."
René Krawczynski, Tierökologe

Strikte Hygienevorschriften in Deutschland

Dass wir kaum noch auf tote Tiere treffen, liegt unter anderen an den strengen Hygienevorschriften in Deutschland. Das war nicht immer so. Auslöser für die aktuellen Vorschriften war der Ausbruch der Rinderkrankheit BSE und die sogenannte BSE-Krise Anfang der 2000er-Jahre, so René Krawczynski. Als Folge hat die Europäische Union (EU) ihre Vorschriften verschärft und viele Mitgliedsstaaten haben sie damals so übernommen.

Mittlerweile hat die EU die Vorgaben wieder gelockert. Seit 2011 ist es laut den Vorschriften zum Beispiel wieder möglich, Kadaver wie die von verstorbenen Haustieren im Wald für den Naturschutz abzulegen. Länder wie Spanien sind diesen Schritt auch mitgegangen, Deutschland allerdings nicht. Hier habe man die strikteren Hygienevorschriften beibehalten.

Kadaver: Kettenglied des Ökosystems

Dass ein lebloser Tierkörper in der Natur liegen bleibt, hält der Tierökologe in der Regel allerdings für unbedenklich. "Die hygienischen Aspekte greifen eigentlich erst dann, wenn Sie anfangen, mit einem Kadaver herumzuhantieren", sagt er. Bleibt der Kadaver hingegen liegen, nimmt die Natur eben ihren Lauf. Der Kadaver ist quasi wieder Teil eines natürlichen Kreislaufs.

René Krawczynski nennt hier die Niederlande als positives Beispiel. Dort gebe es Seminare und Exkursionen, bei denen den Teilnehmenden erklärt wird, was eigentlich mit einem Kadaver passiert, wenn er in der Natur verwest – und warum das gut für sie ist.

"Wir müssen lernen, damit zu leben. Man sollte es so machen wie in den Niederlanden. Dort gibt es eine Umweltbildung, wo Menschen darüber aufgeklärt werden, was da passiert."
René Krawczynski, Tierökologe
  • Moderatorin:  Ilka Knigge
  • Gesprächspartner:  René Krawczynski, Tierökologe