Das EU-Parlament hat über Netzneutralität abgestimmt. Die soll gewahrt bleiben, mit bestimmten Ausnahmen. Für die hat die Telekom nur einen Tag später ein Geschäftsmodell aus dem Hut gezaubert. Die Aufregung im Netz ist groß. Unser Netzreporter aber meint: locker bleiben!

Timotheus Höttges, Vorstandschef der Telekom, reibt sich im Firmenblog schon die Hände. Unter dem Eintrag "Netzneutralität - Konsensfindung im Minenfeld" freut er sich über die Entscheidung des EU-Parlaments, die Netzneutralität in Ausnahmefällen aufzuheben. Für sogenannte "Spezialdienste" kann das Parlament Ausnahmen zulassen. Dazu gehören "innovative Internetdienste, die höhere Qualitätsansprüche haben".

Und genau da setzt das Geschäftsmodell der Telekom an. Das Angebot wendet sich an kleine Start-Up-Unternehmen, die sich im Gegensatz zu großen Firmen zum Beispiel keine riesigen Serverparks leisten können.

"Wollen sie Dienste auf den Markt bringen, bei denen eine gute Übertragungsqualität garantiert sein muss, brauchen gerade sie Spezialdienste. Nach unseren Vorstellungen bezahlen sie dafür im Rahmen einer Umsatzbeteiligung von ein paar Prozent. Das wäre ein fairer Beitrag für die Nutzung der Infrastruktur."

Aufregung im Netz

Bei den Netzexperten ist die Aufregung groß. Netzpolitik.org hat bereits mit einem hämischen Plakat reagiert.

Patrick Beuth von Zeit Online kommentiert das neue Geschäftsmodell mit einem krassen Vergleich:

"Jene neuen Unternehmen also, die erst eine Nutzerschaft aufbauen müssen, die erst einmal keine laufenden Einkünfte haben und finanziell von Risikokapitalgebern abhängig sind, sollen künftig die Telekom dafür bezahlen, dass ihre Inhalte störungsfrei beim Nutzer ankommen. Das klingt - mit Verlaub - nach Schutzgelderpressung."

Auch die Reaktionen bei der Süddeutschen oder Heise online sind ähnlich. Schlagzeilen wie "Telekom will Start-ups abkassieren" oder Schlagworte wie Internetmaut sind dort zu lesen. Und bei Twitter gibt es zahlreich ähnliche Reaktionen unter dem Hashtag #netzneutralitaet zu lesen.

DRadio-Wissen-Netzreporter Michael Gessat ist das zu viel Aufregung. Denn wenn ein Unternehmen sicherstellen will, dass seine Netzinhalte schnell und zuverlässig verfügbar sind, muss es auch jetzt schon externe Anbieter auswählen, die zum Beispiel schnelle Server hosten und auch garantieren, dass diese zuverlässig laufen.

"Ich bin eigentlich aus grundsätzlichen politischen Erwägungen für eine strikte Netzneutralität - aber irgendwie kann ich jetzt hier die ganz große Aufregung nicht nachvollziehen."
Michael Gessat, Netzautor bei DRadio Wissen

Die Telekom will diese Preise jetzt ausdrücklich preislich unterbieten. Dass Start-ups, die so etwas nicht buchen gedrosselt oder benachteiligt werden, hält er für unrealistisch. Denn genau das schließt der EU-Entwurf ausdrücklich aus.