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Wie sich das neuartige Coronavirus verbreitet, wissen wir nach gut einem Jahr immer noch nicht wirklich. Ein Problem könnte der Forschungsansatz des Robert-Koch-Instituts sein. Der Empiriker Rainer Schnell kritisiert, wie Infektionswege untersucht werden.

Wo stecken sich die Menschen an? In der Schule, im Büro, in Geschäften, in Bus und Bahn? Nach gut einem Jahr Leben mit der Coronapandemie voller Datenerhebungen, Forschung und Informationen sollten wir doch eigentlich ganz gut darüber Bescheid wissen. So einfach ist es aber nicht, sagt Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen. Vor allem seien die aktuellen Daten nicht ausreichend.

"Das Hauptproblem, wie Infektionswege bisher untersucht werden, ist, dass wir keine bevölkerungsdeckende Untersuchung haben."
Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen

Das Hauptproblem besteht darin, dass wir keine bevölkerungsdeckende Untersuchung haben. Schon vor einem Jahr sei klar gewesen, dass man über lange Zeit eine Zufallsstichprobe aus der Bevölkerung brauche, eine repräsentative Stichprobe also. In Deutschland gibt es das bis heute nicht.

Rainer Schnell: Bundesweites Corona-Monitoring ist problematisch

Inzwischen gibt es immerhin das bundesweite Corona-Monitoring vom Robert-Koch-Institut (RKI) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Das zentrale Problem bleibt hier aber bestehen", sagt Rainer Schnell: Es handele sich dabei um keine umfassende Zufallsstichprobe.

Für den Sozialwissenschaftler gibt es zwei Gründe, warum es in Deutschland keine bundesweite Untersuchung gibt.

Erstens ist eine Zufallsstichprobe aus der Bevölkerung relativ teuer. Die Stichprobe müsste circa 30.000 befragte Personen umfassen. Das ist für sozialwissenschaftliche Verhältnisse relativ teuer, das kostet pro Welle circa drei Millionen Euro, schätzt Rainer Schnell: "Man muss erstmal bereit sein, das zu bezahlen. Offenbar ist das Gesundheitsministerium nicht bereit, das zu zahlen."

"Corona wird in der Ausbreitung als medizinisches Problem gesehen. Das ist es aber nicht. Das Infektionsgeschehen wird durch das Handeln von Menschen hervorgerufen."
Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen

Zweitens wird Corona in der Ausbreitung als ein medizinisches Problem gesehen, so der Sozialforscher. Aber das sei falsch. "Das Infektionsgeschehen wird durch das Handeln von Menschen hervorgerufen", sagt Rainer Schnell. "Man braucht also Leute, die untersuchen, wie Menschen sich unter gegebenen Randbedingungen verhalten." Das wäre ein Job für Ökonomen oder Sozialwissenschaftler.

"Das bundesweite Corona-Monitoring erfüllt Randbedingungen, ist aber keine Zufallsstichprobe. So bleibt das zentrale Problem bestehen."
Rainer Schnell, Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen

An den aktuellen Untersuchungen zur Verbreitung des neuartigen Coronavirus seien Menschen aus den Sozialwissenschaften, die sich mit großen Stichproben beschäftigen, nicht beteiligt. Die Studie vom RKI gemeinsam mit dem DIW basiere auf bereits bestehenden Stichproben.

"Das macht es schnell und billig", sagt Rainer Schnell. Aber sie sei auch anfällig für Fehler, denn die Stichprobe sei zu klein. Hinzu kommt: Die Testpersonen nehmen sich selbst Blut ab. "Eine Verallgemeinerung auf die Bevölkerung wird sicherlich besser möglich sein als alles, was wir bisher haben", sagt Rainer Schnell, "aber es ist weit von dem entfernt, was man schon vor Monaten hätte machen können."

Wo stecken sich die Menschen an?

Für die Wissenschaft bleibt es vorerst ein Rätsel, wo sich Menschen anstecken. "Diese Untersuchung der bereits Infizierten findet in Gesundheitsämtern statt, aber nur zur Nachverfolgung der Kontaktwege", sagt Rainer Schnell. "Diese Daten, die daraus zu gewinnen wären, sind aber prinzipiell für die Forschung nicht verfügbar." Auch der Datenschutz spielt dabei eine Rolle.

Eine Lösung gestaltet sich aus Sicht des Sozialwissenschaftlers schwierig: Nötig wäre eine zentrale Strategie, bei der nicht nur Medizinerinnen und Mediziner, sondern auch Forschende aus der Ökonomie und aus den Sozialwissenschaften beteiligt sind.