Die neue Besatzung der Internationalen Raumstation führt zwei US-Amerikaner und einen Russen zusammen. Die Beziehungen ihrer Nationen sind angespannt. Wenn man auf engstem Raum im Weltall zusammenlebt: Spricht man da über den Krieg?

Die vier Raumfahrer Stephen Bowen und Warren Hoburg (USA), Andrej Fedjajew (Russland) und Sultan al-Nejadi (Vereinigte Arabische Emirate) lösen die aktuelle Crew auf der Internationalen Raumstation (ISS) ab und werden dort sechs Monate zusammenarbeiten.

Russland ist gegen die Ukraine in den Krieg gezogen, die Beziehung zwischen Russland und den USA ist angespannt. Birgt das Konfliktpotenzial auch für die Besatzung der ISS?

"Wenn man früh über Konfliktthemen spricht, kann man sogar etwas gewinnen."
Alexandra de Cavalho, Psychologin, Wissenschaftlerin an der Universität Bielefeld

Die Psychologin Alexandra de Cavalho von der Universität Bielefeld forscht unter anderem zur Frage, wie sich Langzeitmissionen im All auf die menschliche Psyche auswirken können. Sie sagt: Schwelende Konfliktthemen, die alle umtreiben, sollten unbedingt angesprochen werden – am besten so früh wie möglich, wenn das Thema noch nicht zu Konflikten in der Gruppe geführt hat.

Wenn man früh über einen Konflikt redet, könne man sogar etwas dazugewinnen, zum Beispiel etwas neues lernen oder eine neue Position eines anderen erkennen. Außerdem erhalte das die Harmonie in der Gruppe.

Der Anspruch, ruhig zu bleiben

Bestimmte Themen sind emotional aufgeladen, der Krieg in der Ukraine könnte dazu gehören. Bei solchen Themen in einem Gespräch ruhig zu bleiben, ist sehr schwer, sagt Alexandra de Cavalho. Der Anspruch, das zu schaffen, setzt uns unter Umständen zusätzlich unter Druck.

Eine rein sachliche Argumentation könnte dazu führen, dass unsere Gefühle nicht gehört werden. Alexandra de Cavalho rät deshalb, die Emotionen auch aus- und anzusprechen, damit sie einen Raum erhalten.

"Was gut funktionieren kann, ist, das Gefühl direkt anzusprechen, was wir bei einem Thema erleben. Zum Beispiel: Die aktuelle politische Situation macht mich wütend. Das hat den Vorteil, dass unser Gefühl auch in der Beziehung zu anderen Menschen seinen Raum bekommen darf."
Alexandra de Cavalho, Psychologin, Wissenschaftlerin an der Universität Bielefeld

Wenn uns etwas wütend oder traurig macht, können wir das auch sagen. Laut der Psychologin hat das zudem den Vorteil, dass uns andere besser emotional unterstützen können – zum Beispiel trösten.

Trotzdem sind Situationen nicht zu vermeiden – zum Beispiel in der Familie oder bei der Arbeit –, in denen Meinungen frontal aufeinanderprallen.

Wenn man trotzdem miteinander arbeiten oder leben möchte, macht es Sinn, sich auch mal andere Themen auszusuchen, bei denen ein gemeinsames Interesse vorliegt, empfiehlt die Psychologin. Bewusst nach Gemeinsamkeiten suchen kann in der Familie oder im Beruf funktionieren. Bei der ISS-Besatzung könnte das logischerweise das Thema Raumfahrt sein.

"Ein gemeinsamer Nenner – bei Astronaut*innen ist das zum Glück recht einfach."
Alexandra de Cavalho, Psychologin, Wissenschaftlerin an der Universität Bielefeld

Menschen, die in der Raumfahrt arbeiten, haben in der Regel eine große internationale Erfahrung und haben schon öfter mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zusammengearbeitet. Womöglich haben sie auch eine gemeinsame Vision: Sie wollen für die Menschheit das Weltall erkunden. Aus welchem Land sie jeweils kommen, spielt für sie unter Umständen also gar nicht so eine wichtige Rolle, glaubt Alexandra de Cavalho.

Shownotes
Weltraum-Psychologie
Russland und USA: Mögliche Konflikte auf der ISS
vom 03. März 2023
Moderation: 
Diane Hielscher
Gesprächspartnerin: 
Anna Kohn, Deutschlandfunk Nova