Neu ist die Idee nicht, jetzt wird die Technik dazu erstmals spruchreif: das Neurogaming. Statt dem Controller steuern die Gedanken das Spiel. Das Konzept der Gedankenübertragung bekommt nicht nur in der Gaming-Branche immer mehr Aufmerksamkeit.

Große badekappenartige Hauben mit unübersichtlich vielen Kabeln und Knöpfen, die Hirnströme messen und auswerten – das kennt man aus der Forschung oder aus dem Krankenhaus. Bald könnten sie aber auch in den Wohnzimmern von begeisterten Gamerinnen zu finden sein, nur viel kleiner, schicker und billiger.

Doch nicht nur in der Gaming-Branche bekommt das Thema "Gehirn-Computer-Schnittstellen" eine große Aufmerksamkeit. Das könnte früher oder später zu einem ethischen Konflikt führen, meint Deutschlandfunk-Nova-Reporter Thomas Reintjes.

Stirnbänder und Chips

Um das Neurogaming so attraktiv wie möglich zu machen, arbeiten viele Firmen derzeit daran, die Kontaktstellen mit dem Kopf so klein und schick wie möglich zu halten. Ein Gel, damit der Kontakt zur Kopfhaut besser funktioniert, wird gar nicht mehr benötigt. Stattdessen werden Stirnbänder angeboten, in denen die Elektroden sitzen.

"Viele Firmen reduzieren sie auf so eine Art Stirnband, in dem die Elektroden sitzen. Und man muss auch kein Gel drunter schmieren, damit der Kontakt zur Kopfhaut besser funktioniert."
Thomas Reintjes, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Firma Nextmind aus Paris hat die ganze Elektronik auf einen einzigen Button reduziert, der am Virtual Reality Headset befestigt wird und am Hinterkopf sitzt. Er kann bisher aber nur von Spieleentwicklern für 400 Dollar vorbestellt werden.

Fitnesstracker fürs Gehirn

US-amerikanische Firmen wie Emotiv oder Brainco bieten ihre Konkurrenzprodukte bereits direkt den Usern ab 250 bis 300 Dollar an. Bisher kann man diese Produkte jedoch nur für einfache Apps benutzen, die beim Entspannen und Konzentrieren helfen sollen.

Einen ähnlichen Ansatz hatte bereits ein Produkt, das vor über zehn Jahren vom Barbie-Hersteller Mattel herausgebracht wurde. Das Mindflex-Game hatte das Ziel, einen Ball per Gedankenkraft zum Schweben zu bringen. Die Userinnen zogen sich dabei ein Stirnband an, das mit einem Gerät verbunden war und welches per Luftstrom einen Ball in der Luft hielt. Je nachdem, ob man sich konzentrierte oder entspannte, sollte der Ball höher oder niedriger fliegen.

Auch, wenn umstritten war, ob es wirklich funktionierte, die Userinnen waren fasziniert und begeistert, erzählt Thomas Reintjes.

"Diese Art der berührungslosen Kontrolle hat also eine große Anziehungskraft."
Thomas Reintjes, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Neurogaming für alle

Das Thema des Neurogaming ist auch für viele Nerds ein spannendes Feld. Im Projekt OpenBCI, Open Source Brain-Computer Interfaces, versammeln sich beispielsweise viele Tech-Begeisterte, um eine Open Source Software zu entwickeln.

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Auf ihrer Seite gibt es die entsprechende Auswertungssoftware zum freien Download. Anstatt auf die großen Entwickler warten zu müssen, kann sich hier also jeder an der Technik probieren, sagt Thomas Reintjes.

Intuitiveres Spielen

Anziehend und faszinierend ist diese Technik vor allem auch, weil die Art der Spielesteuerung deutlich intuitiver stattfindet. Mit Gamecontrollern und ihren vielen Knöpfen zu spielen funktioniert zwar, ist aber auch immer ein Umweg und wirkt für Gamerinnen meist unnatürlich und abstrakt. Wer beispielsweise bei Minecraft einen Baum fällt, tut das per Mausklick. Wer in Excel ein Feld auswählt, klickt ebenfalls nur einmal mit der Maus, erklärt Thomas Reintjes.

"Es ist immer ein Umweg und irgendwie unnatürlich. Und ein Gamecontroller mit 17 Knöpfen funktioniert, aber ist offensichtlich nicht ideal. Über eine Hirnschnittstelle könnten Spielesteuerungen intuitiver werden. Und es hat auch etwas Magisches."
Thomas Reintjes, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Ob es jedoch wirklich so reibungslos und magisch funktionieren wird, ist noch nicht ganz bestätigt. Das hängt vor allem mit der Signalqualität zusammen.

Elektroden-Implantate im Gehirn

Nathan Copeland zeigt beispielsweise, dass Neurogaming bei einer guten Signalqualität tatsächlich funktioniert. Nathan ist Mitte 30 und hatte vor 15 Jahren einen schweren Unfall, seit dem er gelähmt ist. Um einen Roboterarm steuern zu können, wurden dem jungen Mann die Elektroden direkt in das Gehirn implantiert.

Neurogaming ist hier also ein positiver Nebeneffekt der Studie und für Nathan die einzige Chance, um überhaupt noch spielen zu können. Im Netz lädt er Videos hoch, auf denen man sieht, wie er in einem Forschungslabor per Gedankenübertragung Final Fantasy spielt.

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Um die schlechtere Signalqualität der Stirnbänder oder Buttons auszugleichen, wollen die Entwickler auf künstliche Intelligenz zurückgreifen. Bis das einwandfrei und auch für komplexere Spiele funktioniert, wird noch einiges an Zeit vergehen, sagt Thomas Reintjes.

"Die Signale, die man außen am Kopf abgreifen kann, sind aber weniger genau. Entwickler versuchen, das mit künstlicher Intelligenz auszugleichen. Aber bis das richtig gut funktioniert und wir damit komplexe Spiele steuern können, müssen wir noch ein paar Jahre warten."
Thomas Reintjes, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Dennoch: Das Thema "Gehirn-Computer-Schnittstellen" bekommt von immer mehr Firmen Aufmerksamkeit. Beispielsweise hat Elon Musk bereits die Firma Neuralink gegründet, die eine Gehirn-Schnittstelle entwickelt.

Auch, wenn das Gedankenlesen noch weit entfernt ist – irgendwann wird zwangsläufig ein "ethisches und ein Privatsphären-Problem" entstehen, sagt Deutschlandfunk-Nova-Experte Thomas Reintjes.