Nachdem das Ergebnis der US-Wahl feststand, haben viele Menschen in New York City gejubelt. Ein seltener Moment der Freude, erzählt Tim. Er arbeitet in New York und berichtet, wie das Leben in der Millionenstadt läuft, seitdem sie so stark vom Coronavirus betroffen ist.

Eigentlich hat sich Tim auf einen unaufgeregten Samstag eingestellt, an dem er sich ein Fußballspiel anschauen wollte. Es war der erste Tag nach einer nervenaufreibenden Woche, an dem er nicht Tag für Tag 24 Stunden vor dem Fernseher hängen wollte, um zu verfolgen, was auf CNN passiert.

Dann wurde es draußen laut. Menschen fingen an zu klatschen, Musik hallte durch die Straßen, und die Stadt schien aus ihrem Pandemie-bedingten Schlaf erwacht zu sein.

Es war der 7. November 2020 und Tim war in seinem New Yorker Apartment, als ihm durch die Jubelrufe klar wurde: Das Wahlergebnis steht fest. Joe Biden und Kamala Harris haben die US-Wahl 2020 gewonnen.

"Ein kollektiver Seufzer der Stadt"

Die Stimmung an diesem Samstag in New York City beschreibt Tim als eine Mischung aus der Euphorie nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft bei einer Fußball-WM und der Loveparade. "Die Verkündung war wie ein kollektiver Seufzer der Stadt", erzählt er. Mit Sekt und Biden-Harris-Rufen haben die Menschen in New York das Wahlergebnis wie auf einem Volksfest gefeiert.

Menschen in New York City nach dem Wahlsieg von Joe Biden und Kamala Harris am 7. November 2020.
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Menschen in New York City feiern in den Straßen den Wahlsieg von Joe Biden und Kamala Harris am 7. November 2020.

Die Corona-Pandemie ist für einen Augenblick in den Hintergrund gerückt. Und das brauchte es auch mal, sagt Tim. Zuvor sei das Land über Monate von der einen in die nächste Krise geraten.

Am 7. November war die Corona-Krise zwar immer noch präsent, aber die New Yorkerinnen und New Yorker haben sich einen Moment der Ausgelassenheit genommen. Die Atmosphäre an diesem Tag hat Tim an die Zeit vor dem Ausbruch des Virus erinnert.

Von pulsierend zu trostlos

Ansonsten hat er ein mulmiges Gefühl, wenn er in der Stadt unterwegs ist, erklärt er. Seit drei Jahren lebt und arbeitet Tim in New York City. Da, wo vorher die Menschen das Stadtbild geprägt haben, herrscht heute Leere. Tagsüber vermitteln geöffnete Geschäfte zwar den Anschein von Normalität, sagt Tim, aber abends ist alles zu. Auch die U-Bahn stellt nachts bis in die frühen Morgenstunden ihren Betrieb ein.

"Die Stadt, die niemals schläft, klappt jetzt praktisch um zehn Uhr abends die Bürgersteige hoch."
Tim lebt seit drei Jahren in New York

Ein Sozialleben finde gerade kaum statt. In seiner Lieblingskneipe zum Beispiel war Tim schon lange nicht mehr. Die strikten Corona-Verordnungen sind überall spürbar: "Es ist ein tristes Bild, wenn in der Kneipe, wo vorher immer gute Stimmung herrschte, vielleicht noch zwei, drei Leute mit Masken sitzen", erzählt er.

Auch große Touristenattraktionen sind gerade menschenleer. Der Times Square mit seinen leuchtenden Werbetafeln und dicht bebauten Hochhäusern beispielsweise erinnert ihn an eine Geisterstadt, ähnlich wie nach einem post-apokalyptischen Szenario.

Corona-Pandemie verschärft soziale Ungleichheit

Keine andere Stadt in den USA ist so hart vom Coronavirus betroffen wie New York. Für soziale Probleme, die es auch vor der Pandemie schon gab, bedeutet das: Sie werden tendenziell schlimmer. Gerade wenn sich der Großteil der Menschen abends auf den Heimweg macht, prägen die Menschen das Bild der Stadt, die kein zu Hause haben, weil sie obdachlos sind, berichtet Tim.

Menschen stehen Schlange, um Kleider- und Essensspenden einer Sozialeinrichtung zu erhalten.
© imago images / Levine-Roberts
Menschen stehen Schlange, um Kleider- und Essensspenden einer Sozialeinrichtung zu erhalten.

Im Gespräch erzählt Tim noch mehr darüber, wie er die vergangenen Monate in New York empfunden hat, wie die Corona-Pandemie seine Beziehung zu der Stadt beeinflusst hat und warum er vor drei Jahren überhaupt dorthin gezogen ist.