Seit 2012 sind erweiterte DNA-Reihentests in den Niederlanden erlaubt - allerdings nur in bestimmten Fällen. Einer ist der des 1998 getöteten Jungen Nicky Verstappen. Um den Täter zu finden, wird der größte Gentest in der Geschichte der Niederlande durchgeführt.

Der 11-jährige Nicky war 1998 aus einem Zeltlager in der Brunssumer Heide verschwunden, am nächsten Tag wurde die Leiche des Kindes entdeckt. Die Polizei geht von einem Mord aus und konnte DNA am Tatort sichern. 

20 Jahre später sind alle Männer, die 1998 in dem Grenzgebiet bei Aachen wohnten oder heute dort leben, aufgerufen, freiwillig eine DNA-Probe abzugeben: Das sind rund 21.500 Männer zwischen 18 und 75 Jahren.

Verwandt aber nicht verdächtigt

Dass auch 18-Jährige in einem 20 Jahre alten Mordfall zum Gentest gebeten werden, klingt zunächst absurd. Sie könnten aber zur Spur des Täters führen: Bei der erweiterten forensischen DNA-Analyse lässt sich im Abgleich mit der Tatort-DNA feststellen, ob einer der Getesteten mit dem Täter verwandt ist. 

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Insofern sind die Testpersonen selbst nicht unbedingt verdächtig, erklärt Kriminalbiologe Mark Benecke. Selbst bei weit verzweigten Verwandtschaften bleibt ein Erbrest unser Vorfahren. Zur Erinnerung: Die Vererbung beginnt mit je der Hälfte an Erbgut von Vater und Mutter und teilt sich dann immer weiter.

"Wenn man sich viele Merkmale auf der Erbsubstanz anschaut, kann man bei einer Übereinstimmung mit jemand anderem in der Datenbank zumindest die Möglichkeit ableiten, ob die Person aus dem Umkreis des Täters kommt."
Mark Benecke, Kriminalbiologe

Das Verfahren ist aufwändig. Es muss nämlich auch mit eingerechnet werden, wie häufig die untersuchten Merkmale insgesamt in der Bevölkerung vertreten sind. Daher übernimmt zunächst der Computer den Datenabgleich. "Wenn man allerdings einen Treffer hat, dann würde man es von Hand nachprüfen," so Mark Benecke. Von hier aus gehen dann die Ermittler die Verwandschaftsverhältnisse durch, um den Täter zu finden. "Und hier ist dann alles möglich."

"Es ist nicht so, dass man durch den Massentest mit dem Finger schnippt und auf einmal taucht der Täter auf. Aber es konzentrieren sich alle noch einmal auf den Fall. Es kann zu guten verwertbaren Spuren kommen. Und der Täter gerät unter Zugzwang.
Mark Benecke, Kriminalbiologe

Erfolg hatte die niederländische Polizei bereits mit diesem Verfahren. Erst im Dezember konnte sie über einen Verwandten einen Mörder identifizieren. Erstmals hatten sie 2012 diese Art der DNA-Analyseangewendet. 13 Jahre nach der Tat konnte der Mord an einer 16-jährigen aufgeklärt werden. Ursprünglich rechneten die Ermittler damit, durch Verwandtschaftsverhältnisse festzustellen, woher der Täter kam. Er nahm jedoch ebenfalls an dem Test teil.

Datenschutz vs. Fahndungserfolg

In Deutschland ist diese Art der DNA-Analyse bisher nicht erlaubt. Daher kann das deutsche Grenzgebiet nicht in den Massentest einbezogen werden. In den Niederlanden dürfen hingegen auch bestimmte Merkmale des Aussehens und der Herkunft erfasst werden. Ähnlich in Großbritannien oder den USA.

Kritiker haben vor allem Vorbehalte gegen die großen Datenmengen, die hier weiter verknüpft werden könnten, so Mark Benecke: "Wir Deutschen sind die einzige Nation, die hier so große Vorbehalte hat. Das hängt natürlich mit dem Nationalsozialismus oder auch dem MfS und der Stasi zusammen."

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