Das gab es noch nie: Der Rheinpegel bei Emmerich wird heute Mittag bei minus zwei Zentimetern und damit erstmals im negativen Bereich liegen. Wie kann das sein? Und warum liegt der Pegel wenige Kilometer weiter bei 6,51 Meter? Wir haben uns mit diesen Zahlen beschäftigt und erklären, was sie bedeuten.

Zu Beginn erst einmal die gute Nachricht: Der Rhein ist nicht ausgetrocknet, es fließt noch Wasser. Der Pegel misst nämlich nicht den Abstand zwischen dem tiefsten Punkt und der Wasseroberfläche, sondern den zwischen dem Wasserstand und dem sogenannten Pegelnullpunkt, erklärt Sebastian Messing. Er ist Leiter der Unterabteilung Umwelt bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes.

"Es ist noch Wasser im Rhein - zum Glück!"
Sebastian Messing, Leiter der Unterabteilung Umwelt bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes

Der Pegelnullpunkt ist nicht immer der tiefste Punkt des Gewässers. Flüsse sind freifließend und sehr dynamisch, erklärt Sebastian Messing. Die Sohle, also der Grund des Gewässers, verändert sich deshalb ständig.

Unterschiedliche Pegelnullpunkte

Die verschiedenen Pegelstände erklären sich dadurch, dass das System historisch gewachsen ist. In den einzelnen Städten entlang des Rheins waren in den Jahren nach dem Krieg jeweils unterschiedliche Maßstäbe angelegt worden. Grund waren auch teils wechselnde Zuständigkeiten in den Behörden. Damals wurden sprichwörtlich Latten ans Ufer gehauen und damit die Pegelnullpunkte festgelegt – im Glauben, dass diese nie unterschritten werden.

"Man hat damals einen Pegelnullpunkt gewählt, der gefühlt wahrscheinlich niemals unterschritten wird, aber der irgendwie gut erreichbar war."
Sebastian Messing, Leiter der Unterabteilung Umwelt bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes

Das war eine falsche Annahme, wie wir jetzt in Emmerich (unser Bild oben) sehen. Dort wird der Rheinpegel heute offiziell erstmals in den negativen Bereich fallen. Es ist noch Wasser da – aber das Gewässerbett, bestehend aus Sohle und Ufer, hat sich einfach in den letzten 70 Jahren stark verändert.

Vergleichbarkeit über die Jahrzehnte

An den einmal festgelegten Pegelnullpunkten werde festgehalten, um eine Konstanz zu haben, erklärt Sebastian Messing. Denn nur so könnten über die Jahrzehnte hinweg wichtige Analysen gemacht werden: Was hat sich verändert? Welche Maßnahmen für die Schifffahrt und den Ausbau des Rheins müssen getroffen werden?

Durch die unterschiedlichen Pegelnullpunkte je nach Stadt muss auf den Binnenschiffen zwar viel gerechnet werden. Um den Überblick zu erleichtern, wurde aber ein statistischer Wert ermittelt: der gleichwertige Wasserstand (GIW). Mit dieser Relation fällt den Schiffer*innen das Navigieren leichter.

Häufiger Dürren und Starkregen

So extrem wie jetzt sei das Niedrigwasser noch nie gewesen, auch 2018 nicht, sagt Sebastian Messing. Die Entwicklung sei besorgniserregend. Wissenschaftliche Prognosen gehen davon aus, dass die Wassermenge der Flüsse zwar unter dem Strich vergleichbar bleibt – dass es aber längere Dürreperioden und häufiger Starkregen geben wird.

"So extrem wie jetzt ist es wirklich noch nie gewesen, auch 2018 nicht. Das System muss widerstandsfähiger gegen die klimatischen Veränderungen werden."
Sebastian Messing, Leiter der Unterabteilung Umwelt bei der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes

Binnenschiffer*innen, Industrie und Bund müssten sich Lösungen überlegen, wie man mit den immer häufigeren Tiefstständen umgeht, sagt Sebastian Messing. Es müsste ein Umdenken stattfinden und Maßnahmen ergriffen werden, um das ganze System widerstandsfähiger gegen die klimatischen Veränderungen zu machen, die uns in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten erwarten: zum Beispiel weniger Schiffe als schwimmende Lager einsetzen, eine cleverere Logistik oder auch mehr Rückhalteflächen und Auen entlang des Rheins.