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Zwischen April 2019 und April 2020 sind rund 88.000 Nutrias getötet worden – das sind rund 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Sind die Nagetiere ein Problem oder nicht? Kommt ganz darauf an, wen man fragt, meint unser Reporter Sebastian Sonntag.

Nutrias sind Nagetiere, die in Uferbereichen in der Nähe von Gewässern leben. Sie sehen Bibern ziemlich ähnlich, sind im Gegensatz zu Bibern aber eine invasive Art – also eine, die ursprünglich nicht in Deutschland zu Hause ist. Doch auch wenn Nutrias inzwischen als etabliert gelten, werden immer mehr von ihnen von Jägern erlegt. Die aktuellen, stark angestiegenen Zahlen hat der Deutsche Jagdverband gerade veröffentlicht.

Die Nutria-Population wächst

Ursprünglich kommen Nutrias aus Südamerika. Sie wurden nach Deutschland gebracht und hier auch weiter gezüchtet, weil man aus ihren Fellen ab den 1920er Jahren Pelze gemacht hat. Aus den Pelzfarmen konnten einige Tiere entkommen oder wurden ausgesetzt, und sie haben sich inzwischen in Europa stark ausgebreitet. Dank Klimawandel und der milden Winter in den letzten Jahren fühlen sie sich hier ziemlich wohl. Bis zu drei Mal im Jahr bekommen Nutrias Nachwuchs.

Ein großes Problem für andere Tier- oder Pflanzenarten ist das eigentlich nicht - bis auf wenige Ausnahmen, etwa, wenn Nutrias sich durch die Pflanzen in geschützten Biotopen fressen.

Instabile Deiche

Gejagt werden die Nutrias aber nicht deswegen, sondern häufig, weil sie Deiche instabil machen, erklärt Markus Henke von der Landesjägerschaft Bremen. Sie futtern nämlich sehr gerne Schilf, der um die Deiche herum wächst und diesen schützt.

"Die moosigen Stellen waren vorher Schilfflächen, die den Deich schützen. Durch die Nutrias haben wir die verloren."
Markus Henke, Landesjägerschaft Bremen, in der ARD

Dazu kommt, dass die Tiere tiefe Tunnel graben, die die Deiche zusätzlich schädigen können. Und nicht nur das: Die Gräben sorgen auch dafür, dass Landflächen verloren gehen, die sonst für die Landwirtschaft genutzt werden. Um das zu verhindern und um die Deiche wieder zu reparieren, werden die Nutria-Gänge wieder mit Erde gefüllt und verdichtet. Das ist aufwendig und kostet viel Geld.

Teure Tunnelauffüllung

Vor allem in norddeutschen Küstenregionen, in denen der Hochwasserschutz ein wichtiges Thema ist, werden daher Nutrias gejagt. Das geschieht in der Regel mit Lebendfallen - die gefangenen Tiere werden anschließend erschossen.

Früher wurden die toten Tiere meist vergraben, heute sucht man nach Alternativen. So hat der Deutsche Jagdverband zum Beispiel die "Fellwechsel GmbH" gegründet, die aus erlegten Wildtieren quasi nachhaltige Felle produziert. Unter anderem in Bremen und Bremerhaven landen die erlegten Nutrias in Tiefkühltruhen, die dann abgeholt werden, wenn sie voll sind.

Ein Nutria-Braten zu Weihnachten?

Auch eine andere Idee erfreut sich laut Markus Henke von der Landesjägerschaft Bremen immer größerer Beliebtheit: Das Nutria-Fleisch schmecke sehr gut, und die Nachfrage steige – etwa nach einem Nutria-Braten für den Weihnachtstisch. In vielen Teilen Südamerikas gilt Nutria als Delikatesse. Und in Moskau, wo ebenfalls viele Nutrias leben – die Tiere fühlen sich auch in Städten wohl – gibt es seit mehreren Jahren sogar einen Nutria-Burger-Laden.

"Die Frage, ob Nutrias ein Problem sind oder nicht, wird unterschiedlich beantwortet, je nachdem, wen man fragt."
Sebastian Sonntag, Deutschlandfunk Nova

Naturschutzorganisationen sehen das Thema ganz anders. Der Nabu zum Beispiel hält wenig davon, Nutrias zu jagen. Zum einen aus Tierwohlgründen: Da sich Nutrias das ganze Jahr über fortpflanzen, könne man zum Beispiel nicht sicher sein, ob das Tier, das man tötet, nicht gerade Nachwuchs bekommen hat. Außerdem führe die Nutria-Jagd lediglich dazu, dass die Tiere noch mehr Nachwuchs bekämen – um die Verluste auszugleichen.

Tierschützer lehnen Nutria-Jagd ab

Beim Thema Hochwasserschutz halten Naturschützer alternative Lösungen für sinnvoller: Da sich die Nutrias selten mehr als zehn Meter vom Wasser entfernt aufhalten, fordern Umwelt- und Tierschützer schon lange breitere Gewässerrandstreifen. Wenn dieser Bereich zwischen Deich und Wasser breiter wäre, würden die Nutrias den Deichen nicht mehr so nahekommen, so die Argumentation.

Dennoch: Nutrias stehen auf einer Warnliste der EU: Dort sind invasive Arten vermerkt, die den Ökosystemen schaden oder schaden könnten und gegen die die EU-Mitgliedsstaaten vorgehen sollen. Tier- und Umweltschützer sehen diese Liste allerdings kritisch.