Willi* ist obdachlos, bereits seit 14 Jahren. Er weiß, dass es im Winter immer schwerer ist als in den anderen Monaten – aber ein Winter in einer Pandemie, den haben er und alle anderen Obdachlosen in Deutschland auch noch nicht erlebt.

Willi sitzt zusammen mit seiner Hündin Mia auf einer Decke an ein Schaufenster gelehnt in der Fußgängerzone von Duisburg. Rechts neben ihm steht ein Becher Kaffee, in der Hand hält er eine Zigarette. Eine Maske trägt Willi nicht: Wenn man krank werde, dann werde man eben krank. Dagegen könne man nichts machen, sagt er.

Viel ist in der Fußgängerzone nicht los. Der Weihnachtsmarkt wurde abgesagt, die Cafés sind geschlossen. und viele gehen nur noch schnell das Nötigste einkaufen. Dass die Bummlerinnen und Bummler fehlen, merkt auch Willi. In dem Käppi vor ihm liegen nur ein paar wenige Münzen.

"Der Zufallskunde, wenn ich jetzt hier am Betteln bin, der hier durchhuscht, der Bummler, der fehlt halt."
Willi, Obdachloser in Duisburg

Der Winter ist für Obdachlose schon immer problematisch, sagt Michael Fechner, Leiter des Duisburger Amtes für Soziales und Wohnen. Dass wir jetzt auch noch mitten in einer Pandemie stecken, mache die Situation noch komplizierter.

Der Platz wäre da

Das macht sich beispielsweise in den Notunterkünften bemerkbar. Denn bevor Obdachlose aufgenommen werden können, müssen sie getestet werden, um ein Ansteckungsrisiko ausschließen zu können, erklärt Michael Fechner.

"Jetzt haben wir die Situation, wenn wir die Leute unterbringen müssen, dass wir versuchen, die vorher zu testen, dass wir ein Ansteckungsrisiko ausschließen zu können."
Michael Fechner, Leiter des Duisburger Amtes für Soziales und Wohnen

Platz gebe es in den Duisburger Einrichtungen aber genug. Alle Menschen, die einen Schlafplatz wollen, bekämen auch einen, sogar meistens ein Einzelzimmer. Frische Bettwäsche, Masken und Desinfektionsmittel gebe es auch. Doch: Nicht alle Obdachlosen wollen dieses Angebot annehmen. So zum Beispiel Willi.

Rückzug aus dem Alltag

Er versucht, seine Kontakte so gut es einzuschränken, geht nicht mehr zu Tafeln oder zur Bahnhofsmission. Stattdessen geht er containern und schläft nachts in einem Zelt etwas außerhalb der Stadt.

"Man versucht, Massenkontakte zu vermeiden. An der Tafel stelle ich mich nicht mehr an, gehe auch nicht mehr hoch zur Bahnhofsmission."
Willi, Obdachloser in Duisburg

Duschen würde er schon gerne öfter, aber das gehe in den Einrichtungen nur auf Termin, und da müsse man bis zu zwei Wochen warten, sagt Willi.

Die psychische Belastung nicht unterschätzen

Auch andere Städte in Deutschland sehen sich wie Duisburg gut auf den Corona-Winter vorbereitet. Viele haben zusätzlichen Platz geschaffen, um die Menschen möglichst gut verteilen zu können. Die Stadt Berlin hat beispielsweise leerstehende Hotels angemietet, in Hamburg können sich Obachlose tagsüber in einem Club aufhalten. Doch auch diese Einrichtungen seien alle nur Notbehelfe, sagt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Menschen einen Ort zu geben, an dem sie sich für ein paar Stunden aufwärmen und stärken können, das sei nur die eine Hälfte der Hilfe. Es gibt aber auch noch die andere Seite: die psychologische Betreuung. Werena Rosenke und ihre Kolleginnen und Kollegen haben eine eindeutige Verstärkung psychischer Belastungen durch die Pandemie festgestellt.

"Was wir wissen, ist, dass die Pandemie in vielen Fällen zu einer weiteren Verschlechterung der Situation führt, auch psychisch."
Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

Viele Obdachlose kämpften mit Süchten, Angststörungen oder Depressionen. Eine richtige Beratung sei derzeit aber in vollem Umfang gar nicht möglich, berichtet Werena Rosenke. Oft fänden die Gespräche durchs offene Fenster oder per Telefon statt. Dabei könne man gar nicht alles in der Tiefe besprechen. Die Folge: Viele Probleme bleiben ungelöst, und der Teufelskreis dreht sich weiter.

"Wird ein strenger Winter werden"

Bei Willi in der Fußgängerzone kommt eine ältere Frau vorbei. Sie scheinen sich zu kennen, sie hat ein Leckerli für Willis Hündin Mia dabei. Willi ist dankbar. Er ist der Überzeugung, dass die Menschen, die einem helfen wollen, auch in der Pandemie helfen.

"Die Menschen, die einem helfen wollen, die helfen auch so. Man trifft halt weniger, weil weniger unterwegs sind. Aber die guten Menschen gibt es immer noch, genau wie die Schlechten. Es wird ja nicht weniger."
Willi, Obdachloser aus Duisburg

Dennoch blickt Willi besorgt auf die kommenden Monate. Aktuelle Informationen über die Corona-Pandemie bekomme er nur selten. Und: Was, wenn sich die Lage weiter verschlechtert? Was, wenn die Ehrenamtlichen an ihre Grenzen stoßen? Es wird ein harter Winter werden, das weiß er.

* Willi hat unserem Reporter nur seinen Vornamen genannt.