Die Stadt Berlin möchte wissen, wie viele Menschen auf der Straße leben. Genaue Zahlen gibt es dazu nämlich nicht – für ganz Deutschland nicht. In der "Nacht der Solidarität" sollen über 3700 Freiwillige, wohnungslose Menschen zählen. Sie ist deutschlandweit die erste Aktion ihrer Art.

Etwa 41.000 Menschen leben in Deutschland dauerhaft auf der Straße, schätzt die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Wie viele es genau sind, ist nicht klar. Als erste deutsche Stadt, möchte Berlin daher die obdachlosen Menschen in ihrer Stadt zählen. Die Aktion nennt sich "Die Nacht der Solidarität" und findet in der Nacht von Mittwoch (29.01.2020) auf Donnerstag zwischen 22 Uhr und 1 Uhr statt.

Eine Nacht, 3700 Freiwillige

In diesem Zeitraum sollen mehr als 3700 Freiwillige die Berliner Senatsverwaltung beim Zählen unterstützen. Die Presse ist ausgeladen. Einen sensiblen Umgang mit den Wohnungslosen haben vor allem einige Obdachlosenverbände in der Vorbereitungsphase der Aktion gefordert, erklärt Stefan Strauß, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

Daher gibt es für alle Beteiligten klare Verhaltensregeln: keine Fotos, keine Posts, nicht aufwecken, nicht duzen, nicht drängen. Die Regeln sollen deutlich machen, dass die Zählung "keine Obdachlosen-Safari" ist, betont Stefan Strauß im Interview mit der Deutschen-Presse-Agentur.

"Um mit obdachlosen Menschen ins Gespräch zu kommen, braucht es eine Sensibilität."
Stefan Strauß, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales

Im besten Fall kommen die Freiwilligen mit den obdachlosen Menschen ins Gespräch. Und dazu braucht es Vertrauen, sagt Stefan Strauß. Die Wohnungslosen könnten selbst entscheiden, ob sie mit den Freiwilligen sprechen möchten oder nicht. Falls sie sich für ein Gespräch entscheiden, gibt es einen Fragebogen in elf Sprachen, der die Lebenssituation der Menschen abbilden soll.

Die Berliner Senatsverwaltung möchte zum Beispiel wissen, wie lange die Wohnungslosen auf der Straße leben, ob sie dort alleine, in einer Gruppe oder mit Kindern leben. Nach Namen und Alter sollen die Freiwilligen nicht fragen, erklärt der Pressesprecher. Der Hintergrund: Die Anonymität der obdachlosen Menschen soll geschützt werden.

Klare Regeln, festgelegte Routen

Die Routen durch die Berliner Straßen hat die Senatsverwaltung vorher festgelegt. Aufgeteilt in 617 Teams suchen die Freiwilligen unter anderem an U-Bahnhöfen, Hauseingängen oder auf Parkbänken nach wohnungslosen Menschen.

"Die Unterstützung der Freiwilligen ist ein Akt der Solidarität gegenüber obdachlosen Menschen."
Stefan Strauß, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziale

Unter den Freiwilligen sind vor allem viele junge Leute wie Studierende, sagt er. Aber auch Senioren, Sozialarbeiter und Einwohner aus anderen Städten helfen mit bei der "Nacht der Solidarität". "Es ist eine bunt gemischte Gruppe von Menschen aus unserer Stadt", sagt Stefan Strauß. Mit ihrer Teilnahme würden sie alle Solidarität mit den Wohnungslosen zeigen. Denn: Die Helfer bekämen kein Geld für ihre Unterstützung. Verpflichtet habe sie die Stadt Berlin auch nicht.

Sensibilität und Solidarität

Es gibt aber auch Kritik an der Aktion, berichtet Stefan Strauß. Kritikerinnen und Kritiker fordern zum Beispiel, dass es Wohnungen für die obdachlosen Menschen geben müsse, statt einer Zählung.

"Obdachlosigkeit ist ein großes Problem und es gibt unterschiedliche Auffassungen dazu. Daher wäre es komisch, wenn wir uns alle einig wären."
Stefan Strauß, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales

Die vielen Probleme rund um Obdachlosigkeit seien der Berliner Senatsverwaltung auch bewusst, versichert er. Deshalb hätte er gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen während der Vorbereitung auf die "Nacht der Solidarität" eng mit Obdachlosenverbänden und Initiativen für Wohnungslose zusammengearbeitet.