Wie sollen sich Menschen, die auf der Straße leben vor dem neuartigen Coronavirus schützen? Nach dem Zusammenbruch ihres Netzwerks aus Anlaufstellen für Essen, Kleidung oder einer warmen Dusche gibt es kein beständiges Angebote für obdachlose Menschen.

Momentan bleiben wir in unseren Wohnungen, um uns selbst und andere zu schützen. Für schätzungsweise über 40.000 Menschen funktioniert diese Schutzmaßnahme nicht – sie sind dauerhaft obdachlos. Die aktuelle Lage ist für sie sehr herausfordernd, sagt Straßensozialarbeiter Julien Thiele von der Caritas Hamburg.

Das Versorgungsnetzwerk der wohnungslosen Menschen sei vor vier Wochen von einem Tag auf den Nächsten weggefallen. Essensausgaben, Duschmöglichkeiten oder ein Ort zum Wäschewaschen: Das alles hängt seitdem in der Luft. "Gerade als Hygiene so groß geschrieben wurde wie noch nie, wurde den obdachlosen Menschen jegliche Möglichkeit genommen, ihrer Hygiene nachzugehen", so der Straßensozialarbeiter.

Ersatzangebote noch unbekannt

In den letzten Wochen konnten sich die festen Strukturen der Menschen nur in Teilen wieder aufbauen. Haben sich in der Zwischenzeit Ersatzprogramme gebildet, musste sich das erst mal unter den obdachlosen Menschen herumsprechen, erklärt Julien Thiele.

Wie schwierig das ist, macht er am Beispiel der Bahnhofsmission am Hamburger Hauptbahnhof deutlich: Diese sollte aufgrund ihrer zentralen Lage ein Ort sein, an dem die Menschen gebündelt Informationen über die aktuelle Lage rundum das neuartige Coronavirus finden. Das Problem: Nicht nur die Informationslage ändert sich täglich, sondern auch die Öffnungszeiten und Angebote der Bahnhofsmission, sagt Julien Thiele. Die Folge: Angst und Sorge steigen.

"Für die obdachlosen Menschen waren die letzten drei bis vier Wochen eine absolute Berg- und Talfahrt."
Julien Thiele, Straßensozialarbeiter von der Caritas Hamburg

Unter den auf der Straße lebenden Menschen beobachtet Julien Thiele gerade zwei Tendenzen: Ein Teil von ihnen kämpfe abseits der Coronavirus-Pandemie tagtäglich mit ihrer Lebenssituation – sie hätten keine Kraft, sich zusätzlich Gedanken über das Einhalten von Schutzmaßnahmen zu machen. Ein anderer Teil der wohnungslosen Menschen, so der Straßensozialarbeiter, beschäftige sich wiederum sehr genau mit dem neuartigen Coronavirus. Sie seien besonders in Sorge, da ihnen mit jeder neuen Info bewusst werde, wie wenig sie sich und andere schützen könnten.

"Bei ihnen steigt die Angst und Sorge. Denn: Je mehr sie aufgeklärt werden, desto mehr wird ihnen bewusst, dass es ihnen nicht möglich ist, Räume und Möglichkeiten zu finden, um diese Schutzmaßnahmen einzuhalten oder umzusetzen."
Julien Thiele, Straßensozialarbeiter von der Caritas Hamburg

Zudem könnten die Hilfsorganisationen das Verteilen von Masken und Desinfektionsmitteln nicht organisieren, erklärt er. Ähnlich wie bei Krankenhäusern sei ausreichend Schutzmaterial gerade Mangelware. Die große Solidarität der Gesellschaft gegenüber wohnungslosen Menschen findet der Straßensozialarbeiter hingegen besonders stark. Gabenzäune, Geldspenden und ähnliche Aktionen sind eine wichtige Hilfe.

Verantwortung liegt bei der Politik

Trotzdem fordert er von der Politik deutschlandweite Ersatzprogramme für wohnungslose Menschen. Zum Beispiel muss ihre medizinische Versorgung sichergestellt werden, sagt Julien Thiele. Ähnlich wie in Berlin sollten obdachlose Menschen auch ohne Krankenversicherung von Ärztinnen und Ärzten behandelt werden, ergänzt er.