Wir sollen am besten alle zu Hause bleiben. Aber was tun, wenn man kein Zuhause hat? Viele Hilfsangebote für Obdachlose müssen schließen oder umdenken. Dabei gehören Obdachlose oft zur Risikogruppe. Unsere Reporterin Josephine Schulz hat mit verschiedenen Hilfseinrichtungen in Deutschland gesprochen.

Die meisten Einrichtungen, wie Suppenküchen, Kleiderausgaben oder Orte für Tagesaufenthalte, sind im Zuge der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus geschlossen, so Josephine Schulz. In Hamburg zum Beispiel gibt es zurzeit keine einzige Dusche mehr, die Obdachlose nutzen könnten.

"Ein großer Teil des Hilfssystems für Obdachlose ist im Prinzip völlig zusammengebrochen."
Josephine Schulz, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Dass es kaum noch Hilfsangebote gibt, liegt zum einen an den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die sich sonst in den Einrichtungen engagieren. Denn viele von ihnen sind älter und gehören damit zur Risikogruppe, um an Covid-19 zu erkranken. Zum anderen kommen in vielen Einrichtungen teils 200 bis 300 Menschen zusammen. "Da können die ganzen Abstands- und Hygienevorschriften gar nicht eingehalten werden", sagt Julien Thiele, Straßensozialarbeiter der Caritas in Hamburg.

Auch Ärzte und Ärztinnen, die sich sonst in den Unterkünften ehrenamtlich engagieren, fehlen. Sie sind zurzeit beruflich so eingebunden, dass keine Zeit mehr für das Ehrenamt bleibt.

Betteln oder Flaschensammeln funktioniert nicht mehr

Der Verkauf von Obdachlosenzeitungen wurde eingestellt, so unsere Reporterin Josephine Schulz. Auch das Bitten um Geld im öffentlichen Raum ist kaum noch möglich: Alle halten Abstand und die meisten Menschen sind ohnehin zu Hause. Auch Flaschensammeln, um sich das Pfand zu verdienen, funktioniert nicht mehr. Eben weil zum Beispiel die Parks fast leergefegt sind.

Die verschiedenen Hilfseinrichtungen versuchen kreativ zu werden und neue Angebote zu machen. Die Caritas Hamburg zum Beispiel hat junge Ehrenamtliche gefunden, die Lunchpakete packen. Diese werden dann per Rikscha in der Hamburger Innenstadt an Obdachlose verteilt. Die Helferinnen und Helfer tragen dabei Mundschutz, Handschuhe und sind mit Desinfektionsmittel versorgt, damit sie niemanden anstecken und sich auch selbst nicht anstecken.

Viele Obdachlose gehören zur Risikogruppe

Auch in anderen Städten gibt es Versuche, Hilfsangebote weiterhin anzubieten. In Köln zum Beispiel will der Sozialdienst der katholischen Frauen das Drogenmobil und Substitutionsprogramme weiterhin anbieten. Auch sind bundesweit die Notunterkünfte geöffnet. "Doch dort wollen viele Obdachlose gar nicht hin", sagt Josephine Schulz. Denn es sind Massenunterkünfte, in denen sich viele Menschen ein Zimmer teilen. "Da besteht dann natürlich ein hohes Ansteckungsrisiko."

Hinzu kommt, dass vermutlich viele Obdachlose zur Risikogruppe zählen. Viele sind gesundheitlich nicht in Topform. Manche haben Suchterkrankungen und/oder chronische Erkrankungen. Das sollte auch jeder beachten, der ihnen Speisen oder Getränke überlassen will. Neben dem Schutz der eigenen Gesundheit sollte uns also auch bewusst sein: Jede milde Gabe kann auch Überträger des Virus sein. Im Zweifel ist daher besser, Organisationen, die sich professionell um Obdachlose kümmern, finanziell zu unterstützen, anstatt sich selbst und die Obdachlosen in Gefahr zu bringen.

Ein anderes Problem ist, dass die Geschäfte und Einkaufspassagen allesamt schließen. "Damit haben auch die Toiletten geschlossen", sagt Julien Thiele. Damit gebe es nur noch wenige Toiletten, für die man jedoch zahlen muss. Sodass manche Obdachlose zurzeit kaum Zugang zu einer Toilette und einem Waschbecken haben.

"Gerade jetzt, wo Hygiene ganz groß geschrieben werden müsste, können wir den Obdachlosen gar nichts anbieten. Und lassen sie komplett allein."

Eine Lösung könnte es sein, in leer stehenden Hotels den Obdachlosen Schlaf- und Waschmöglichkeiten anzubieten. In London wird darüber diskutiert. Julien Thiele findet solch ein Angebot auch für Deutschland wichtig und gut. Der Senat in Berlin hat einen Rettungsschirm für Obdachlose angekündigt: Dazu gehört dann auch das Angebot anderer Unterkünfte als den Massenunterkünften, um die Infektionsschutzmaßnahmen gewährleisten zu können. Auch in anderen Städten wird nach Lösungen gesucht. Doch egal wo, es braucht schnell Lösungen.