Viele Tonnen von Arzneiwirkstoffen oder deren Rückstände gelangen jährlich über die Abwässer der Haushalte in die Umwelt und damit in unsere Seen und Flüsse. Insbesondere Antidepressiva schaden den dort lebenden Tieren ganz massiv.

Schmerzmittel verursachen bei Fischen Schäden an Nieren, Leber und Kiemen. Länger bekannt ist darüber hinaus, dass Hormonpräparate bei männlichen Fröschen und Kröten zu einer Geschlechtsumwandlung führen. Und nach neueren Studien haben auch Antidepressiva im Abwasser massive Auswirkungen auf die Tierwelt, erklärt der Zoologe Mario Ludwig.

Antidepressiva reichern sich im Fischgehirn an

Antidepressiva werden vor allem von Fischen, aber auch anderen Wassertieren aufgenommen. Amerikanische Wissenschaftler der Universität von Buffalo haben bei Fischen, die im Niagarafluss leben, im Gehirn wahre Cocktails von Antidepressiva nachgewiesen. Und ganz offensichtlich reichern sich diese Antidepressiva mit der Zeit im Gehirn der Fische an. Die Konzentration im Gehirn war nämlich oft um ein Vielfaches höher, als in dem Wasser, in dem die Fische lebten.

"Die Konzentration dieser Antidepressiva im Gehirn war oft um ein Vielfaches höher als in dem Wasser, in dem die Fische gelebt haben."
Mario Ludwig über die Anreicherung von Antidepressiva

Die Anreicherung der Antidepressiva führen zu Verhaltensänderungen der Fische. Wissenschaftler von der Umeå Universität in Schweden haben Flussbarsche in Laborexperimenten unterschiedliche Dosen von Diazepam ausgesetzt. Diazepam ist eine Substanz, die auch unter dem Namen "Valium" bekannt ist und bei Menschen unter anderem bei der Behandlung von Angststörungen eingesetzt wird. Bei dem Experiment zeigte sich, dass schon geringe Dosen von Diazepam ausreichen, um das Verhalten der Barsche zu verändern. Im Gegensatz zu einer Kontrollgruppe von Exemplaren, die kein Diazepam bekommen hatte, verhielten sich die Diazepam-Fische aktiver und mutiger, verließen ihre Verstecke und stießen dabei auch in für sie potenziell gefährliche Gegenden vor. Festzustellen war auch, dass diese Fische deutlich mehr gefressen haben. 

Für die Fische hat dieses "mutige" Vorgehen keine Vorteile, sondern ist eher gefährlich. Denn es ist möglich, dass die Flussbarsche häufiger Fressfeinden zum Opfer fallen, wenn sie mutiger werden und ihre Verstecke verlassen. Außerdem es könnte auch zu einer ökologischen Kettenreaktion kommen: Sind die Flussbarsche hungriger, fressen sie mehr Zooplankton. Zooplankton reduziert aber wiederum die Algen in einem Gewässer. Durch die hungrigen Barsche könnte es also zu einer Algenblüte und dadurch zum Umkippen des Gewässers kommen. 

Schäden auch für Süßwassermuscheln

Amerikanische Wissenschaftler fanden außerdem in Laboruntersuchungen heraus, dass Fluoxetin, der Wirkstoff des bekannten Antidepressivums Prozac, schon in geringen Mengen die Fortpflanzung von Süßwassermuscheln ganz massiv beeinflusst. Das Medikament Prozac wird Schätzungen zufolge von rund 35 Millionen Menschen eingenommen. Muscheln setzen bei Kontakt mit diesem Antidepressivum innerhalb von 48 Stunden ihre Larven frei, und das, obwohl die Larven noch nicht vollständig ausgereift waren. Nicht vollständig ausgereifte Larven sind jedoch nicht lebensfähig, deshalb fürchten die Wissenschaftler, dass Antidepressiva in Flüssen und Seen, langfristig ganze Populationen von Süßwassermuscheln auslöschen könnten. 

Schäden auch für Tiere außerhalb betroffener Gewässer möglich

Nicht bewiesen sind bisher mögliche schädliche Auswirkungen auf Tiere, die nicht direkt in den Gewässern leben. Aber der Zoologe Mario Ludwig hält dies für sehr wahrscheinlich. 

"Bewiesen ist da noch nichts, aber es ist sehr wahrscheinlich."
Mario Ludwig über mögliche Schäden jenseits der betroffenen Gewässer

Denn Antidepressiva können beispielsweise in den Körper von Tieren gelangen, die aus einem Gewässer trinken, in das mit Antidepressiva belastetes Abwasser eingeleitet wurde. Zu diesem Thema wurde vor Kurzem ein hoch interessantes Laborexperiment durchgeführt: Englische Wissenschaftler der University of York haben in einer Studie weiblichen Staren das bereits erwähnte Antidepressivum Prozac verabreicht. Und zwar in einer so geringen Dosis, wie man sie auch in der Natur in Gewässern nachgewiesen hat. Die englischen Forscher haben für ihr Experiment ganz explizit Stare genommen, weil Stare sehr oft in oder bei Kläranlagen nach Nahrung suchen.

Festgestellt haben die Wissenschaftler bei ihrem Experiment, dass sich die Antidepressiva auch auf das Verhalten von Staren auswirken. Genauer gesagt auf ihr Balzverhalten. Die Starenmännchen zeigten gegenüber den mit Prozac behandelten Weibchen ein erhöhtes Aggressionsverhalten. Und - das ist wichtig - sie sangen in der Gegenwart von "Prozac-Weibchen" auch weniger. Und das ist für die betroffenen Weibchen ein klarer Nachteil. Denn Weibchen, die bei der Partnersuche zu viel Zeit brauchen, haben danach oft keine Brut. Langfristig könnte das sogar zu einem Rückgang einer Population führen. 

Konsum von Antidepressiva steigt 

Die Problematik wird sehr wahrscheinlich zunehmen. Nach Aussage von Experten steigt die Verschreibung von Antidepressiva in Europa jährlich an und es wird viele Jahre dauern, bis unsere Kläranlagen so weit sind, dass sie Antidepressiva oder die Reste von Antidepressiva aus dem Abwasser herausfiltern können.