Großmütter sind im Tierreich selten. Meist sterben die Weibchen, sobald sie nicht mehr fruchtbar sind. Bei zwei Spezies ist das anders: Beim Menschen – und bei Orcas. Hier leben Omas oft noch Jahrzehnte weiter. Unter anderem wohl, weil sie bei der Aufzucht der Enkel helfen.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sophie Stigler hat lange nach Beispielen von Omas im Tierreich gesucht. Es ist erschreckend, aber tatsächlich gibt es Großmütter bei Tieren kaum. Sobald die Tiere nicht mehr fruchtbar sind, also keine Kinder mehr bekommen können, scheinen sie keine Funktion mehr zu haben und sterben.

Immerhin: bei einer bestimmten Blattlausart leben die Weibchen nach der Menopause noch etwas weiter. Die Omas wechseln dann in den Verteidigungsdienst der Kolonie. Und auch die Kurzflossen-Grindwale sind eine Ausnahme. Hier können die Großmütter ebenfalls noch mehr als zehn Jahre weiter leben.

Omas leben nur in zwei Spezies noch mehrere Jahrzehnte

Spezies, bei denen die Weibchen nach Ende der Fruchtbarkeit noch mehrere Jahrzehnte leben können, gibt es genau zwei: Orcas und Menschen.

    Orcas können bis zu 100 Jahre alt werden. Meist kommt das aber nur bei den Weibchen vor. Schon früher haben Forschende herausgefunden, dass Orcas ihre Omas nicht nur so mitschleppen, sondern dass die alten Weibchen eine Funktion in der Herde haben. Eine britische Biologin hatte beobachtet, dass Orca-Kühe ihre Gruppen immer mal wieder bei der Futtersuche anführen, besonders wenn das Futter knapp wird. Offenbar haben die Orca-Großmütter einfach mehr Erfahrung, so die Vermutung der Biologin.

    Großmutter-Effekt auch bei Orcas

    In der aktuellen Studie hingegen verfolgt das Forschungsteam die Theorie, dass Orca-Omas gezielt dem Nachwuchs helfen – und das nennt sich "Großmutter-Effekt", sagt Sophie Stigler.

    "In Orca-Gruppen helfen Omas ihren Enkeln beim Überleben und stellen dadurch auch sicher, dass ihr eigenes Erbgut überdauert."
    Sophie Stigler, Deutschlandfunk Nova

    Der Großmutter-Effekt ist beim Menschen schon ziemlich gut belegt. Demnach hatten die Kinder in Familien früher eine weit größere Überlebenschance, wenn noch Großmütter da waren, um für Nahrung zu sorgen.

    Enkel-Orcas überleben öfter, wenn Omas da sind

    Ähnlich scheint es bei den Orcas zu sein. Das Forschungsteam hat vor der US-Westküste und Kanada 700 Wale mit Unterwasserkameras beobachtet. Tatsächlich war die Überlebensrate der jungen Wale höher, wenn Omas dabei waren. Der Effekt war noch stärker, wenn die Omas selbst keine Kinder mehr bekommen und sich ausschließlich um die Enkel kümmern konnten.

    "Wenn Orca-Omas starben, war es auch fünf Mal wahrscheinlicher, dass die Orca-Enkel starben."
    Sophie Stigler, Deutschlandfunk Nova

    Was genau die Funktion der Orca-Großmütter ist, ist den Forschenden allerdings noch nicht ganz klar. Sie vermuten, dass sie mit den Enkeln tatsächlich Futter geteilt haben, oder den jüngeren Tieren gezeigt haben, wo es in schlechten Zeiten Futter gibt.

    Auch bei Orcas gibt es Muttersöhnchen

    Funfact: Orca-Omas helfen nicht nur den Enkeln. Offenbar bleiben die Söhne besonders oft sehr lange an der Seite ihrer Mütter, wodurch sie auch eine höhere Überlebenschance haben. In der Forschung wird das "mommy's boys" genannt – also Muttersöhnchen.