Immer mehr findet im Netz statt - Freunde treffen, arbeiten, einkaufen. Aber was tun, wenn wir mehr Zeit im Nezt verbringen, als für uns gut ist? Die digitale Beratung des LWL-Universitätsklinikums Bochum will Menschen, die von Online-Sucht betroffen sind, helfen.

Schon vor der Coronavirus-Pandemie hat sich unser Leben mehr und mehr digitalisiert. Gelernt, bewusst mit Internetmedien umzugehen, haben die wenigsten. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung für das Jahr 2019 ist bei 5,5 Prozent der 18- bis 25-Jährigen von einer computerspiel- oder internetbezogenen Störung auszugehen.

Wenn die Zeit online zur Sucht wird, können Hilfsprogramme Betroffene unterstützen, offline zu gehen. Seit August 2020 gibt es zum Beispiel OMPRIS, die digitale Beratung für Onlinesucht vom LWL-Universitätsklinikum Bochum für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Das Programm soll Menschen helfen, die ein Suchtverhalten aufzeigen und auch denjenigen, die unsicher sind, ob sie kurz davor stehen, eine Sucht zu entwickeln.

Jederzeit erreichbar sein

Marie ist eine von ihnen. Weil sie anonym bleiben möchte, haben wir ihren Namen geändert. Marie ist Ende 20 und in der Vergangenheit fiel es ihr schwer, das Smartphone wegzulegen oder auszuschalten. Denn: Sie wollte pausenlos erreichbar sein, sagt sie. Und das hat sie immer mehr belastet. Also hat sie sich Hilfe geholt und nimmt seitdem an der digitalen Beratung des LWL-Klinikums teil.

"Ich habe gemerkt, dass ich mich innerlich unwohl fühle: Macht es überhaupt Sinn, dass ich bei Google etwas suche oder bei YouTube Filme schaue? Irgendwie nimmt das viel Zeit von meinem Leben ein und eigentlich möchte ich das gar nicht."
Marie nimmt an der digitalen Beratung zur Onlinesucht teil

Der Kontrollverlust über das eigene Nutzungsverhalten ist eines der Kriterien, die auf eine problematische Onlinenutzung hinweisen, erklärt Psychologin Magdalena Pape vom LWL-Universitätsklinikum. Das sei unabhängig davon, ob es um die Zeit am Smartphone, Pornos im Netz schauen oder ums Gaming gehe. Ist ein negativer Effekt da und die Betroffenen sind sich dessen bewusst, können aber ihr Verhalten nicht ändern, dann kann die Beratung helfen.

Onlinehilfe für Onlinesucht

Und die findet da statt, wo die Teilnehmenden viel Zeit verbringen: im Netz. Denn: Betroffene sollen nicht lernen, sich komplett aus dem Netz zu verabschieden, sagt Psychologe Christian Montag. Das wäre für ihr Leben in einer Welt, die immer digitaler wird, wenig hilfreich. Die Daten zeigen, so der Psychologe, eine Onlinetherapie kann bei einer Onlinesucht helfen.

Individuelle Therapiewege aufzeigen

Vor allem ist ein Hilfsprogramm, das digital stattfindet, unkompliziert und schnell. Denn für eine analoge Therapie müssen Betroffene unter Umständen lange warten. Die digitale Beratung will Betroffenen Möglichkeiten aufzeigen, welche Therapiewege ihnen offen stehen.

Marie zum Beispiel möchte bald einen festen Therapieplatz finden, um an tief liegenden Themen zu arbeiten. Diese Erkenntnis hat sie aus den Gesprächen mit ihrer Beraterin Magdalena Pape gezogen. Vier Wochen lang hat sich Marie mit ihr zweimal wöchentlich zu einer Onlinesitzung getroffen. Dabei hat sie mit der Psychologin über ihre Tagesstruktur gesprochen, wann und wofür sie das Handy nutzt und geschaut, was es für Alternativen gibt. Statt für den Griff zum Smartphone möchte sich Marie in Zukunft öfter für einen Spaziergang entscheiden.

"Es gibt Momente, in denen ich mehr online bin, aber inzwischen kann ich genau sagen, warum das passiert. Ich denke: Stopp, das wäre genau die falsche Lösung mit meinen Emotionen umzugehen. Ich muss etwas anderes machen."
Marie nimmt an der digitalen Beratung zur Onlinesucht teil

Das OMPRIS-Projekt findet momentan im Rahmen einer klinischen Studie statt. Das Angebot richtet sich an Betroffene ab 16 Jahren. Was entscheidend für die Teilnahme an der Studie ist, erfahrt ihr auf der Website der Beratung.

Geht es nach dem Leiter der OMPRIS-Studie, Jan Dieris-Hirche, soll das Onlineprogramm langfristig als Brücke zwischen den Therapiemöglichkeiten vermitteln, wobei die Krankenkassen die Kosten tragen sollen. Weil es sich gerade noch um eine Studie handelt, ist die Beratung kostenlos.