Stammvater Abraham stolperte wie ein Depp durch die Geschichte. So sieht es der evangelische Dekan und Pfarrer im Ruhestand Dietrich Neuhaus aus Frankfurt am Main. Für ihn gehört die Szene aus dem Alten Testament daher in eine religiöse Quarantäne-Station. Aus ihr könne man nichts lernen, sie sei verflucht, grausam und bis heute vielfach missbraucht worden.

Und dabei sollen wir doch gerade dadurch sehr viel über den Gehorsam erfahren. Sogar eine Demokratie könne schließlich nicht ohne ihn auskommen.

Abraham wird im Buch Genesis von Gott befohlen, seinen Sohn Isaak zu opfern.

"Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar."
Genesis 22, 6

"Kill me a son!" hieß eine Fachtagung, die diese bedingungslose Folgsamkeit von Abraham über den sogenannten preussischen Kadavergehorsam bis zu uns heute unter das Brennglas nahm. Veranstalter am 3. und 4. September 2015 war das Jüdische Museum Berlin. Wissenschaftler interpretieren jene Geschichte, die sowohl im Juden- als auch Christentum sowie im Islam von zentraler Bedeutung ist, aus verschiedenen Blickwinkeln. Für Dietrich Neuhaus ist sie zu Unrecht über all die Jahrtausende so expansiv in den Mittelpunkt gerückt.

"Abraham wurde zum Mörder und ist kein Vorbild des Glaubens, sondern ein am Glauben Gescheiterter."
Dietrich Neuhaus, Dekan i.R.

Der zweite Redner im Hörsaal ist Christoph Markschies, Theologe an der Berliner Humboldt-Universität. Er referiert das ständige Wechselspiel der Religionen, die sich bei ihrer Interpretation der Opfergeschichte schon im 2. und 3. Jahrhundert nach Christi Geburt gegenseitig beeinflussten.

"Jüdische und christliche Auslegungen von Genesis 22 waren in der Antike miteinander im Gespräch."
Christoph Markschies, ev. Theologe

Dabei kannten sich die Autoren beider Religionen persönlich, sie tauschten sich miteinander aus, polemisierten gegen die jeweils anderen, lernten aber auch voneinander.

Mord oder Selbstmord? Im zweiten Teil unseres Hörsaals zum Thema stellen Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin und Angelika Neuwirth vom Seminar für Semitistik und Arabistik an der FU Berlin andere Auslegungen der Opfergeschichte vor.