Die Wiege des Homo sapiens ist Afrika. Eine Erkenntnis, die noch gar nicht so alt ist, denn lange war man sicher, dass er aus Europa kommen müsse. Wie politisch die Frühmenschforschung ist, zeigt sich in Friedemann Schrenks Abriss der sechs Millionen Jahre Menschheitsgeschichte.

"Ein Fossil ist stumm", betont der Frühmenschenforscher Friedemann Schrenk ganz zu Beginn seines Vortrags über die frühe Geschichte der Menschheit. Erst die Interpretation von Zähnen, Knochen und anderen Fundstücken bringen diese stummen Zeugen zum Reden und schaffen ein Bild davon, wie wir zum Homo sapiens wurden. Das Problem mit Interpretationen: Sie sind kontextabhängig. Kein Wunder, dass lange Zeit etwa gängige Lehrmeinung war, dass der Mensch sich in Europa entwickelte. Afrika? Das war nicht denkbar.

"Wenn wir ein Fossil finden, müssen wir es interpretieren. Und wenn wir interpretieren, können wir ja nur in unserem eigenen Weltbild interpretieren.“
Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe

Friedemann Schrenk skizziert in seinem Vortrag die rund sechs Millionen Jahre Entwicklungsgeschichte des Menschen. Dabei stellt er zentrale Fossilien vor und erklärt, wie und warum sie früher und heute unterschiedlich interpretiert werden. Woran etwa lässt sich erkennen, wann die Größe unseres Hirns oder der aufrechte Gang sich entwickelt haben? Und warum haben sich die unterschiedlichen Homo-Arten so unterschiedlich entwickelt?

"Heute schotten sich Wohlstandsregionen ab? Und die Frage ist: Wie lange kann das gut gehen? Eins zwei drei Generationen, aber nicht zehn, zwanzig, hundert Generationen.“
Friedemann Schrenk, Paläoanthropologe

Friedemann Schrenk zeichnet dabei nicht nur sehr anschaulich ein Bild unserer Vorfahren und ausgestorbenen Verwandten, sondern vermittelt mit Nachdruck ein Bewusstsein für die politische Dimension der Paläoanthropologie. So plädiert er etwa dafür, Afrika mit anderen Augen zu sehen. Und er fordert, dass die westliche Welt sich nicht gegen andere Weltregionen abschotten darf - evolutionär betrachtet wäre das ein Eigentor.

Aufgezeichnet wurde der Vortrag im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum im Rahmen der Vortragsreihe Dialog im Museum, die von der Daimler und Benz Stiftung veranstaltet wird und noch bis Dezember 2015 unter dem Titel steht: "Gene - Geist - Cyborg. Wer sind wir Menschen?".