Am Anfang gab es kaum Masken oder Beatmungsgeräte. Dann mangelte es an PCR-Tests, jetzt mangelt es an Impfstoff. Woran liegt es, dass es immer erst mal dauert, bis wir alles in ausreichender Menge haben? Ein Blick auf die komplexen Herstellungswege erklärt vieles.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat das lange Warten auf ausreichend Tests und Impfstoffe mit einer Ketchupflasche verglichen: Am Anfang kommt lange Zeit nichts, danach auf einen Schlag sehr viel. Doch wo sind die Nadelöhre bei der Pandemiebekämpfung?

Vor allem bei der Herstellung und Transport hapert es oft, sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Joachim Budde. Mehr als 100 Komponenten spielen eine Rolle in dem komplizierten Beschaffungsprozess von Tests und Impfstoffen.

Tests: Probleme bei Produktion und Transport

Dass die Produktion von Tests nicht so schnell vorangeht, liegt laut einem der deutschen Hersteller an dem Mangel bestimmter Materialien. Die Tests, die in Fernost hergestellt werden, benötigen beispielsweise für ihre Teststreifen ein spezielles Papier, das nur von sehr wenigen Herstellern weltweit angefertigt wird. Erst jetzt schaffen es diese Hersteller, die Nachfrage nach dem Papier so langsam zu decken, berichtet Joachim Budde.

Ein weiterer Endschleuniger ist der lange Transportweg von Fernost nach Europa. Derzeit werden die Tests mit Flugzeugen angeliefert, die allerdings nicht so viel Lagerkapazität haben. Da es mit dem Schiff zu lange dauern würde, wäre die einzig sinnvolle Alternative der Transport per Zug. Doch dafür bräuchten die Hersteller eine gewisse Planungssicherheit und müssten sich darauf verlassen können, dass eine bestimmte Menge an Tests in den kommenden Monaten auch sicher abgenommen wird.

Impfstoffe: Enorm gesteigerter Bedarf

Auch bei der Impfstoffherstellung kann man einige Flaschenhälse erkennen, wie Expertinnen des Londoner Thinktanks Chatham House in einer Studie aufgezeigt haben. In ihrer Analyse erinnern sie auch daran, dass wir insgesamt 14 Milliarden Dosen Impfstoff brauchen, um 70 Prozent der Weltbevölkerung impfen zu können. Das ist dreimal so viel wie die gesamte Impfstoff-Jahresproduktion vor der Pandemie.

"Wir wollen ja 70 Prozent der Weltbevölkerung impfen. Dafür brauchen wir 14 Milliarden Impfdosen. Das ist dreimal so viel wie die Jahresproduktion aller Impfstoffe vor der Pandemie."
Joachim Budde, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die Impfstoff-Hersteller mussten also erst mal neue Kapazitäten aufbauen, was viel Zeit in Anspruch genommen hat, erklärt Joachim Budde.

Impfstoffproduktion ist ein hoch komplizierter Prozess

Die Impfstoffproduktion benötigt zudem hoch spezialisierte Anlagen, seltene Materialien und besonders qualifiziertes Fachpersonal – all das sei knapp, sagt Joachim Budde. Man könne nicht einfach ein Rezept des Impfstoffs an alle weitergeben und es dann sofort in jeder beliebigen Fabrik produzieren.

"Die Impfstoffproduktion ist ja nicht wie Brötchenbacken. Es genügt nicht, das Rezept weiterzugeben und dann kann man in der anderen Fabrik loslegen."
Joachim Budde, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Zudem müssen die Produktionsanlagen alle arzneimitteltechnisch abgenommen werden. Ein Beispiel: Der Impfstoff Astra Zeneca wird unter anderem in einem Werk in den Niederlanden hergestellt, von dem die Europäische Arzneimittelbehörde immer noch auf Daten wartet. Solange das Werk diese Daten nicht liefert, können die dort produzierten Impfstoffe gar nicht verwendet werden.

Mehr als 100 Komponenten spielen eine Rolle

Die Impfstoffproduktion kann aber nur wachsen, wenn es – wie bereits bei der Testproduktion - auch die Zulieferer tun. Astra Zeneca verwendet beispielsweise ein umgebautes Virus, um das Immunsystem mit diesem Virus zu trainieren. Diese Viren werden in riesigen Plastiksäcken, die als Bioreaktoren fungieren, angezüchtet. Auf diese Säcke gibt es momentan eine Wartezeit von vier Monaten.

"Wenn einzelne Komponenten fehlen – auch bei den Zulieferern, dann kann das den ganzen Herstellungsprozess bremsen."
Joachim Budde, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Auch die Herstellung von Glasfläschchen für den Impfstoff ist derzeit gebremst, da beispielsweise die Oxide des Halbmetalls Bor knapp sind und auch die Anzahl der Ampullen, die täglich durch die Schmelzöfen laufen können, kann nicht so schnell gesteigert werden.

Idealfall: Weitere zehn Monate mehr Nachfrage als Angebot

Weitere Verzögerungen bei der Impfstoff- und Testherstellung sind also sehr wahrscheinlich. So sehen es auch die Fachleute von Chatham House: Wenn alle Impfstoffkandidaten, für die derzeit Zulassungsverfahren am Laufen sind, tatsächlich zugelassen werden, die Herstellung stabil bleibt, die geplanten Erweiterungen klappen und es zu keinen weiteren Lieferschwierigkeiten kommt, wird die Nachfrage immer noch zehn Monate lang größer sein als das Angebot.

Das zeigt auch: Größere Bestellungen im letzten Jahr hätten nichts an der jetzigen Kapazität geändert, sagt Joachim Budde. Wenn die Europäer jetzt mehr Impfstoff erhielten, dann würde er woanders auf der Welt fehlen.

Verzicht auf Ausfuhrbeschränkungen

Um den Prozess dennoch zu beschleunigen, könnten die Länder beispielsweise auf Ausfuhrbeschränkungen für Materialien verzichten. Denn viele Materialien werden nur in wenigen Ländern wie beispielsweise den USA oder China hergestellt.

Europa bietet hierfür gerade ein Negativ-Beispiel, da sich die Europäische Union und Großbritannien nicht über einen freien Güterverkehr in Bezug auf den Astra-Zeneca-Impfstoff einigen können. Worauf es jetzt aber ankommt, ist Zusammenarbeit und eine gute Koordinierung der knappen Güter, sagt Joachim Budde.