Die Isländer wählen ein neues Parlament - und die Piraten-Partei hat gute Chancen auf einen Wahlerfolg. Dann könnte Birgitta Jonsdottir erste Piraten-Premierministerin der Welt werden. Doch dafür müssen die Isländer einen Neuanfang wollen.

Rund 300.000 Isländer entscheiden bei vorgezogenen Neuwahlen am 29. Oktober 2016 nicht nur über ein neues Parlament, sondern auch über eine politische Neuausrichtung. Seit im April dieses Jahres durch die Panama Papers bekannt wurde, dass die Elite des Landes ihr Geld in Offshore-Firmen gesteckt hat, um Steuern zu sparen, ist der Frust der Isländer über das politische Establishment groß. Zu diesem Zeitpunkt lagen nach Umfragen die Piraten bei 40 Prozent der Wählerstimmen. Dabei hatten sie sich erst vor vier Jahren gegründet und lagen Anfang Januar 2016 noch bei 5 Prozent. Aktuell hält sich die Zustimmung bei 22 Prozent.

Martina Schulte, DRadio-Wissen-Netzreporterin
"Wenn man den Prognosen glaubt, stehen die Chancen fifty-fifty. Die Piraten bräuchten aber auf jeden Fall einen Koalitionspartner."

Mit den Panama Papers wurden auch die fetten Geschäfte aufgedeckt, die der ehemalige Premierminister Sigmundur Davið Gunnlaugsson über Jahre - auch während der Bankenkrise - zusammen mit seiner Frau mit Briefkastenfirmen gemacht hatte. Drei weitere Minister, die in den Panama Papers auftauchten, stellen sich jetzt wieder zur Wahl. Darunter auch der ehemalige Finanzminister Bjarni Benediktsson.

"Vom Establishment haben viele Isländer die Nase voll."
Carsten Schmiester, Skandinavien-Korrespondent

Mit der wachsenden Anti-Establishment-Stimmung stieg auch die Beliebtheit von Birgitta Jonsdottir als Gallionsfigur der Piraten-Partei. Ihr Lebenslauf ist alles andere als glatt: Sie ist Künstlerin und hat in ihrem Leben mit Schicksalsschlägen und schwierigen finanziellen Situationen zu kämpfen. Sie war eine Wiki-Leaks-Verfechterin und hat sich später mit Julian Assange überworfen. Das gute an ihr: Sie ist ehrlich. Und das macht sie sympathisch, sagt der Skandinavienkorrespondent Carsten Schmiester.

Kapital und Politik sind in Island eng verwoben

Die Piraten-Partei ist beliebt, weil sie sich gegen das Establishment stellt. Deswegen hat sie bei der Wahl gute Chancen auf einen Erfolg. Birgitta Jonsdottir könnte dann die erste Piraten-Premierministerin der Welt werden. Allerdings hat sich Island von der Finanzkrise inzwischen weitestgehend erholt und das spielt der Unabhängigkeitspartei in die Hände. Die Zinsen sind hoch und seit der Fußballeuropameisterschaft boomt der Tourismus auf der Insel. Für die grundsätzlich eher konservativ eingestellten Isländer vielleicht wieder Grund genug, konservative Parteien zu wählen.

Island ist in etwa wie in Sizilien

Im Guardian vergleicht Birgitta Jonsdottir Island mit einer Art kühleren, nordatlantischen Version von Sizilien. Island werde wie Sizilien von einigen wenigen Mafia-artigen Familien und deren Freunden beherrscht. Für diese Mafia-Strukturen hat sie auch einen Spitznamen: Oktopus. Ihre Piraten-Partei soll dieses politische System hacken.