Ein Verbot von personalisierter Werbung hält Datenschutzaktivistin Rena Tangens für notwendig. Mittlerweile werde personalisierte Werbung auch dazu genutzt, um Nutzer*innen radikale Inhalte anzuzeigen – zudem verkaufe man die Daten zum Zweck der Überwachung weiter.

Einmal im Online-Shop nach einem Paar neuer Sneaker geschaut, schon wird auf der nächsten Seite passende Werbung angezeigt. Über unsere Suchanfragen, Videos, die wir uns angesehen oder Routen, die wir in der Navigations-App eingegeben haben, sammeln Unternehmen mithilfe von Cookies Daten über uns.

Für ihre Online-Werbung möchten sie sich ein möglichst genaues Profil über uns erstellen, in dem sie über unser Geschlecht, Alter, den Wohnort und auch unsere Suchanfragen Bescheid wissen. Ihr Ziel: Je genauer sie unser Verhalten kennen, desto besser können sie die ausgespielten Werbeanzeigen auf uns anpassen – und desto mehr Geld damit machen.

Über Werbung radikalisieren

Datenschützer*innen kritisieren personalisierte Werbung schon lange. Vielen Menschen sei nicht klar, wie tief die Eingriffe in ihre Privatsphäre tatsächlich seien, sagt Datenschutzaktivistin Rena Tangens.

Sie spricht von personalisierter Werbung als Überwachungsmittel, das eine Gefahr für die Demokratie darstelle. Auf dem diesjährigen Chaos Communication Congress, Europas größtem Hackerkongress, forderte die Datenschutzaktivistin daher ein Verbot von personalisierter Werbung.

"Plattformen, die auf Werbung angewiesen sind, versuchen die Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange auf dieser Plattform zu halten. Das macht man am besten, indem man emotionalisierte Inhalte anbietet und Leute schrittweise, immer radikalere Inhalte zeigt", erklärt sie. Das sei vergleichbar mit den Algorithmen auf Videoplattformen, die Nutzer*innen zunehmend extreme Inhalte vorschlagen, je länger sie auf den Plattformen unterwegs sind.

Mit Datenspuren überwachen

Mittlerweile stuft auch der Auslandsgeheimdienst der USA, die National Secruity Agency (NSA), personalisierte Werbung als Gefahr für die nationale Sicherheit ein. Über die Werbung könnten auch Menschen überwacht werden, die Teil der kritischen Infrastruktur eines Landes seien und zum Beispiel in einem Strom- oder Wasserwerk arbeiten, so die NSA.

Das Geschäft mit personalisierter Werbung

Denn: Damit Unternehmen wie etwa Werbefirmen an die Daten der Nutzer*innen von Webseiten kommen, kaufen sie die Daten einer Plattform ab. Der Online-Shop in dem wir zum Beispiel gerade unterwegs waren, bietet dann Daten über unser Alter, Geschlecht oder auch Kaufverhalten in Sekundenschnelle über eine Art Auktion an die Unternehmen an. Das Unternehmen, das am meisten Geld bietet, bekommt die Daten und kann uns seine personalisierte Werbung anzeigen. So weit die Theorie.

Fehlendes Handeln seitens der Politik

Rena Tangens geht allerdings davon aus, dass unter den Meistbietenden nicht nur Werbefirmen sind. "Offensichtlich gehören zu diesen Firmen, die an Daten interessiert sind, auch Firmen, die für ausländische Geheimdienste arbeiten", sagt sie. Vielen Politiker*innen seien die Zusammenhänge von personalisierter Werbung und dem Risiko einer Radikalisierung beziehungsweise Überwachung vermutlich nicht klar.

Zudem müssten sie gegen machtvolle Tech-Konzerne wie Google, Meta und Co. vorgehen, die ihr Geld hauptsächlich mit personalisierter Werbung verdienen. Sie würden daher unter anderen durch Lobbyarbeit versuchen, ein Ende von personalisierter Werbung zu verhindern.

"Wenn wir uns klarmachen, dass Google sich zu 99 Prozent aus eben dieser Überwachungswerbung finanziert, wird uns klar, warum sie über Public Relations und direkter Lobbyarbeit versuchen zu verhindern, dass diese Art von Überwachung verhindert wird."
Rena Tangens, Datenschutzaktivistin

Als Alternative zu personalisierter Werbung führt die Datenschutzaktivistin kontextualisierte Werbung an. Hierbei wird auch Werbung auf Webseiten geschaltet, aber nur solche, die zum Kontext des Inhalts auf der jeweiligen Webseite passt.

Auch das EU-Parlament spricht gerade darüber, große Tech-Konzerne zu regulieren. Ein Verbot für personalisierte Werbung, wie es die Datenschutzaktivistin fordert, könnte im Digital Markets Act festgehalten werden.