Diese Studie zeigt zum ersten Mal, dass sich Pestizide durch die Luft über weitere Strecken verteilen können. Bei ihrer Analyse haben die Umweltaktivisten unterschiedliche Pestizide in Regionen mit viel Landwirtschaft gefunden, aber auch in Städten und sogar in Naturschutzgebieten.

Der Einsatz von Pestiziden ist bekanntlich umstritten – Stichwort: Glyphosat. Geht es zum Beispiel um die Frage, wie sich Pestizide in der Luft verteilen, haben vergangene Studien hauptsächlich die direkte Abdrift untersucht, also die Pestizid-Partikel, die beim Spritzen direkt vom Feld weggeweht werden.

Eine Studie des "Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft" und des Umweltinstituts München kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass sich Pestizide über die Äcker hinaus – teilweise kilometerweit – in der Luft verteilen. Es ist die deutschlandweit erste Studie, die Daten zu Pestiziden in der Luft analysiert hat.

Dazu wurden von Frühjahr bis Herbst 2019 an 116 Standorten verteilt in ganz Deutschland Proben gesammelt: In Städten, Naturschutzgebieten, in der Nähe von Biohöfen und auch in Gegenden mit viel Landwirtschaft.

Die Pestizide haben sie unter anderem über sogenannte Passivsammler eingefangen. Also Geräten, die mit einem speziellen Schaumstoffmaterial ausgelegt sind, worin sich die Pestizide aus der Luft verfangen.

Naturschutzgebiet und Stadt: Pestizide vielerorts nachweisbar

Die Proben haben sie im Labor auf über 500 Wirkstoffe wie Glyphosat, Glufosinat und Aminomethylphosphonsäure (AMPA), einem Abbauprodukt von Glyphosat, untersucht. Pestizide haben die Umweltaktivisten dabei an allen 49 Standorten der Passivsammler gefunden.

Die Anzahl der Wirkstoffe war dabei unterschiedlich hoch. Der geringste Wert mit sechs Pestiziden lag im Bayrischen Wald, die höchste Anzahl – mit 33 unterschiedlichen Wirkstoffen – konnten sie an einem Standort im Nordwesten Deutschlands ausmachen, erläutert die Journalistin Eva Huber.

"Selbst oben auf dem Broken im Nationalpark Harz haben die Aktivisten zwölf Pestizidwirkstoffe gefunden."
Eva Huber, freie Journalistin für den Bayrischen Rundfunk

Besonders verbreitet ist das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Der Wirkstoff war in jedem der 49 Passivsammler nachweisbar. Die Studienautorinnen und -autoren haben aber auch bereits verbotene, hochgiftige Insektizide wie DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) und Lindan in ihren Proben gefunden. Das sind Wirkstoffe, die sich nur langsam abbauen.

Umweltbundesamt: Menge wohl unbedenklich

In welcher Konzentration sich die Pestizide in der Luft verteilen, können die Umweltaktivistinnen mit ihrer Analyse nicht feststellen. Das heißt: Über mögliche Gesundheitsrisiken liefert ihre Studie keine Daten. Mit ihrer Analyse haben die Studienautoren aber erstmals bewiesen, dass sich die Pestizide über die Luft verteilen – von staatlicher Seite fehlen hierüber die Daten. Ein Gesundheitsrisiko durch die Pestizide in der Luft schließt das Umweltbundesamt allerdings aus. Dafür sei die Menge zu gering. Für Eva Huber bleiben aber dennoch Fragen offen.

"Aber es schwirren ja mehrere Pestizide gleichzeitig in der Luft. Was macht dieser Cocktail? Dazu gibt es kaum Forschung bisher. Es sind also viele Fragen offen."
Eva Huber, freie Journalistin für den Bayrischen Rundfunk

Umsatzverlust durch fremde Pestizide

Pestizide, die sich über die Luft verteilen, können für einige Biolandwirte zum Problem werden. Journalistin Eva Huber berichtet von dem Fall eines Biolandwirts aus Nordrhein-Westfalen. Auf fünf seiner Staudensellerie-Felder haben sich vor wenigen Jahren Pestizide über die Luft verteilt, wie sich später herausstellte. Ein erster Abnehmer hat die Ernte zurückgehen lassen. Der Biobauer hatte einen Verlust von 100.000 Euro.

Unklar, woher die Pestizide kommen

"Oft ist es schwer, nachzuweisen, woher die Pestizide kommen. Manchmal ist es die direkte Abdrift vom Nachbarfeld, manchmal kommt es aber auch irgendwo anders her", erklärt Eva Huber.

Extremen Fälle wie der des nordrhein-westfälischen Biolandwirts seien zwar eher die Ausnahme, finden aber statt. Der Anbauverband Bioland hat bei einer kleinen Umfrage 260 kleinere Fälle zwischen 2012 und 2016 dokumentiert.

Abdrift, Verdunstung, Staubpartikel

Denn auch wenn es für landwirtschaftliche Betriebe Auflagen gibt, um eine direkte Abdrifte der Pestizide möglichst zu verhindern, können sie zum Beispiel verdunsten, wenn sie schon auf der Pflanze oder auf dem Boden liegen und dann über den Wind weiter getragen werden. Auch zeigen Studien, dass Glyphosat beispielsweise über kleine Staubpartikel durch die Luft getragen werden kann.