Die WHO macht deutlich: Es fehlen Pflegekräfte. Schätzungsweise 5,9 Millionen weltweit. Am schwersten trifft es – wieder einmal – den Globalen Süden. Das liegt unter anderem daran, dass wohlhabende Staaten ausländisches Pflegepersonal abwerben.

Weltweit fehlt es an 5,9 Millionen Pflegekräften in Krankenhäusern, Heimen und sonstigen Gesundheitseinrichtungen. Zu diesem Ergebnis kommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem ersten World's Nursing Report, der Deutschlandfunk Nova vorliegt. Alleine 89 Prozent dieser Pflegerinnen und Pfleger fehlen in den Entwicklungs- und Schwellenländern, schätzt die WHO – das sind 5,3 Millionen Gesundheitskräfte.

Globaler Süden: Weniger als zehn Fachkräfte für 10.000 Menschen

Gerade in vielen Ländern des Globalen Südens herrsche ein starkes Ungleichgewicht zwischen der Anzahl der Pflegenden und der Größe der Bevölkerung. Auf 10.000 Menschen würden hier teilweise weniger als zehn Pflegerinnen und Pfleger kommen, so der Bericht. Viele dieser Staaten liegen auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara, in Süd-Ost-Asien und im östlichen Mittelmeergebiet.

Wächst die Bevölkerung in den jeweiligen Ländern weiter an, und damit ist zu rechnen, verschärft das den Pflegekräftemangel also weiter, warnt Anna Holzscheiter, Politikwissenschaftlerin und Leiterin der Forschungsstelle Globale Gesundheitspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin.

"Der Bericht der WHO macht große Ungleichheiten sichtbar, was die weltweite Verteilung von Pflegerinnen und Pflegern betrifft."
Anna Holzscheiter, Politikwissenschaftlerin

Aber auch der Globale Norden hat Probleme: Vor allem in Nordamerika und Europa ist das Pflegepersonal häufig im Durschnitt älter als 55 Jahren und geht damit auf den Ruhestand zu, so die WHO weiter im Report. Das bedeutet: Auch hier könnte der Pflegekräftemangel weiter steigen und in der Zukunft schwer ins Gewicht fallen.

Staaten wie Deutschland, Großbritannien und Schweden zum Beispiel lösen das Problem bisher, indem sie ausländische Fachkräfte zu sich ins Land holen, erklärt Anna Holzscheiter – Stichwort: Arbeitsmigration.

Laut WHO arbeitet eine von acht Fachkräften in einem anderen Land als ihrem Geburtsland oder ihrem Ausbildungsland. Dieser Gewinn für wohlhabendere Staaten schwächt zusätzlich die Gesundheitssysteme vergleichsweise ärmerer Nationen – gerade in Krisenzeiten wie aktuell, erklärt die Politikwissenschaftlerin.

Pflegeberufe weiterhin unattraktiv

Gerade, weil Deutschland den Weg der Ausbildungsoffensive gehe, sei es nachhaltiger, ehemalige Pflegekräfte, die mittlerweile in einem anderen Beruf arbeiten, in den Pflegeberuf zurückzuholen. Dafür brauche es allerdings auch eine entsprechende Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Verdienstes, fügt sie hinzu.

Vom Landtag zurück ins Krankenhaus

Ähnlich sieht das auch Andreas Krahl. Er ist Mitglied des Bayerischen Landtags und dort pflegepolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion. Außerdem ist Andreas Krahl auch ausgebildeter Krankenpfleger. Seit vergangener Woche arbeitet er wieder auf der Intensivstation eines Krankenhauses, um dem Pflegepersonal während der Coronazeit auszuhelfen.

Per Klick auf den Playbutton könnt ihr das gesamte Gespräch mit Andreas Krahl hören.
Andreas Krahl: "Pflegekräfte sind eine eigenständige Profession und müssen auch als solche anerkannt werden. Das muss sich erstens auf dem Konto widerspiegeln und zweitens in der Loslösung des Images vom Assistenzberuf."

Er fordert die Anerkennung des Pflegeberufes als eigenständige Profession. Das würde die Arbeit der Pflegerinnen und Pfleger nicht nur wertschätzen, sondern eben auch deutlich machen, dass die Aufgaben der Pflegenden über die Essensausgabe und das Waschen der Patientinnen und Patienten hinausgeht.