Menschen haben eine Sprache, sind vernunftbegabt und haben Kultur. Das hebt uns von Tieren ab – oder? Philosoph Georg Toepfer und Historiker Rüdiger Graf gehen in ihren Vorträgen der Frage nach, ob sich die Unterscheidung zwischen Menschen und Tieren rechtfertigen lässt.

Jahrhundertelang haben Menschen sich für die Krone der Schöpfung gehalten, für gottähnliche Wesen. Sprache, Geist und Kultur, so dachte man, erheben uns ganz prinzipiell über andere Tiere. Im 20. Jahrhundert allerdings fing dieser Glaube an zu bröckeln. Mit der Evolutionslehre und der Verhaltensforschung wurde immer deutlicher: Auch Menschen sind Tiere.

"Alle großen Begriffe, die ehemals die Funktion hatten, die Welt des Menschen als die einer distinkten und einmaligen Lebensform auszuzeichnen, wurden in den letzten Jahrzehnten unbrauchbar in Hinblick auf diese Funktion."
Georg Toepfer, Philosoph

Auf dem Historikertag 2021 hat sich die Sektion "Tiere" mit der Frage beschäftigt, wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse über Tiere im Laufe der Geschichte zur Erklärung menschlichen Verhaltens herangezogen wurden.

Der Philosoph Georg Toepfer erzählt in seinem Vortrag, wie während des 20. Jahrhunderts nahezu alle Begriffe, die ursprünglich der Beschreibung von Menschen und menschlichem Verhalten vorbehalten waren, auch auf Tiere angewandt wurden. Tieren wurde nicht nur Sprache, Geist und Kultur zugeschrieben, sondern auch Bewusstsein, Sozialverhalten und Freiheit.

Keine Begriffe mehr zum Abgrenzen

Das, so Georg Toepfer, stellt uns heute vor ein grundsätzliches Problem. Wir behandeln Menschen und Tiere nämlich in der Praxis ganz unterschiedlich. Wir halten Tiere in Käfigen, wir töten sie, um sie zu essen. Wie lässt sich das rechtfertigen, wenn wir keine Begriffe mehr haben, um theoretisch zwischen Menschen und Tieren zu unterscheiden?

"Die Grenze zwischen Mensch und Tier ist weiterhin relevant, besonders im ethischen und rechtlichen Kontext. Sie kann aber kaum noch mit klaren Begriffen begründet werden."
Georg Toepfer, Philosoph

Im zweiten Vortrag erzählt der Historiker Rüdiger Graf, wie Vergleiche zwischen menschlichem und tierischem Verhalten ökonomische Theorien beeinflusst haben. Was liegt menschlichem Handeln zugrunde? Unsere Vernunft? Unbewusste oder bewusste Einflüsse? Um diese Frage zu beantworten, hat die Verhaltensökonomie immer wieder Vergleiche zwischen menschlichem und tierischem Verhalten herangezogen und ist dabei im Laufe der Geschichte zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gekommen.

"Mit welchen Zielen nutzten Ökonomen Analogien zur Tierwelt oder Wissen über Tiere, um ökonomische Prozesse zu erklären?"
Rüdiger Graf, Historiker

Der Vortrag von Georg Toepfer hat den Titel "Wie die Menschen! Wann und warum die Tiere im 20. Jahrhundert zu 'Sprache', 'Geist' und 'Kultur' fanden." Der Vortrag von Rüdiger Graf hat den Titel "Animal Spirits und Decision-Making-Organisms. Tierische Perspektiven auf wirtschaftliches Verhalten." Beide haben ihre Vorträge am 05. Oktober 2021 auf dem Deutschen Historikertag in München gehalten.

  • Hörsaal
  • Moderation:  Sibylle Salewski
  • Vortragender:  Georg Toepfer, Philosoph, Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
  • Vortragender:  Rüdiger Graf, Historiker, Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam