Bier ohne Alkohol. Sex ohne Körperkontakt. Käse ohne Fett. Slim-, Light- und Diät-Produkte sind sehr beliebt. Genuss und Verzicht scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Aber geht das überhaupt: Wahrer Genuss - ohne Reue? Gehören Lust und die negativen Folgen nicht zusammen? Unser heutiger Redner meint: Auf jeden Fall. Erwachsener Genuss beinhaltet auch immer das Andere, das Ungute. Ein Vortrag des Philosophie-Professors Robert Pfaller. 

Robert Pfaller bestellt sich mittags ein Bier zum Essen - und wird komisch angeschaut. Hätte der Kellner vielleicht lieber einen gesundheitsfördernden Smoothie serviert? Im Alltag gibt es etliche Gelegenheiten, um über unseren Umgang mit Genuss nachzudenken. Halten wir stets Maß - oder legen wir das Maßvolle auch mal ab. Zelebrieren wir die Ausschweifung oder feiern wir den Verzicht.

Robert Pfaller, Professor Philosophie an der Kunstuniversität Linz meint: Genuss, der verzichtet, ist keiner. Der Genuss beinhaltet auch immer etwas Ungutes, vielleicht Gesundheitsschädliches. Einen Kater, Ansteckungsgefahr oder Cholesterin.

"Am Genuss gibt es immer ein ungutes Element. Und das bedeutet, dass wir bestimmte Ökonomien des Haushaltens mit unseren alltäglichen Ressourcen durchbrechen müssen."
Robert Pfaller, Professor für Philosophie, Kunstuniversität Linz

Seine Theorie entwickelt er im Rückgriff auf die Religion. Was feiern Kulte auf welche Weise? Dabei denkt er nicht nur an die monotheistischen Religionen unserer Gegenwart, sondern ganz besonders auch an die Götterwelten der Antike. Und da gehört zur Aphrodite eben auch der kindliche Eros, der wild mit Pfeil und Bogen um sich schießt. Dionysos, der Sachverhalte nicht stets nüchtern beurteilt. Kurz: irrationale Verhaltensweisen.

"Die antiken Religionen kannten nicht nur große, alte, weise Götter, sondern auch ein bisschen dumme Götter, ein bisschen kindliche Götter."
Robert Pfaller, Professor für Philosophie, Kunstuniversität Linz

Wie gehen wir heute im christlichen Mitteleuropa mit der Versuchung zu genießen um? Und welchen Unterschied macht es, ob wir in einer eher katholisch oder einer eher protestantisch geprägten Gesellschaft leben? Darum geht es in Robert Pfallers Vortrag. 

"Bei den radikalen protestantischen Christen dominieren die negativen Kulte. Da wird es sehr still, sehr sauber, sehr ernsthaft und sehr vernünftig."
Robert Pfaller, Professor für Philosophie, Kunstuniversität Linz

Robert Pfaller hat seinen Vortrag am 8. Juli 2018 auf Einladung des Medicinicums Lech gehalten, anlässlich der Tagung "Genuss - Sucht - Gesundheit. Über die vielfältige Kunst, richtig und gesund zu genießen".