Zum Thema Männlichkeit gibt es 2026 viele Fragen – eine allgemeine Antwort darauf, was männlich ist, fehlt allerdings. Viele junge Männer fühlen sich von Content angesprochen, den die AfD postet. Eine Gruppe der Grünen will nun eine Brücke dorthin bauen.
Die Grünen wollen junge Männer gezielter mit ihren Inhalten ansprechen. Doch was bedeutet es in der Gegenwart überhaupt, männlich zu sein? Fitness? Autos? Lifestyle?
Julian Joswig, 32-jähriger Grünen-Politiker und Abgeordneter im Deutschen Bundestag, hat einen Text seiner Partei mitverfasst, der sich dem schwierigen Thema annähern will.
Im Interview mit Deutschlandfunk Nova erklärt er, dass Männlichkeit ganz viel bedeuten kann. "Männlich kann jemand sein, der sagt, er geht ins Fitnessstudio zum Trainieren. Männlich kann jemand sein, der sich die Fingernägel lackiert und vielleicht auch Dinge macht, die ganz untypisch sind", sagt Julian Joswig.
"Das Wichtige ist, dass Männlichkeit erstmal etwas Individuelles ist und jeder Mann sich so selbstsicher und frei fühlt, dass er glücklich ist."
Viele junge Männer würden aktuell eine gewisse Unsicherheit verspüren, sagt Julian Joswig. "Wir habe eine Krise junger Männer", so der Politiker. Mit dem Manifest möchten die Grünen verhindern, dass aus dieser Krise "negative gesellschaftliche Tendenzen entstehen, die in alte Männerbilder zurückfallen", sagt er.
Moderne Männlichkeit: So positionieren sich die Grünen
In dem Text ist unter anderem zu lesen:
"Moderne Männlichkeit bedeutet die Freiheit, der Mann zu sein, der du sein willst – in der Verantwortung für andere. Du willst jeden Tag ins Gym gehen und achtest auf deine Ernährung? Hervorragend, dass du daran Spaß hast und gesund lebst. Mach das. Du willst für deine Familie sorgen können? Großartig. Das ist eine Form von Fürsorge, die Respekt verdient. Du willst beschützen können? Ja, bitte. Die Welt braucht Menschen, die sich schützend vor andere stellen."
Julian Joswig sagt, dass er und seine Partei-Kolleg*innen mit dem Papier eine Debatte anstoßen wollen. Dafür bekommen die Politiker*innen gerade viel Resonanz – positiv wie negativ.
In Wahlergebnissen ist zu sehen, dass die Grünen "gerade bei jungen Männern überproportional schlecht abscheiden", sagt Julian Joswig. Deshalb stellt sich für ihn und seine Partei die Frage, wie sie junge Männer besser erreichen.
"Wir sehen einen krassen Rechtsdruck bei jungen Männern und damit einher geht eine Dominanz von diesen ganz alten patriarchalen Männerbildern."
Diese Rollenbilder können bei Frauen (und Männern) zu sehr viel Leid führen, sagt Julian Joswig. Das gelte vor allem für Menschen, die sich diesen Geschlechterrollen nicht unterwerfen wollen oder können.
Das Team um Julian Joswig stellt sich die Frage, wie es diese Zielgruppe besser erreicht. Es geht um eine bessere Kommunikation.
"Noch nicht das Wunderrezept"
Auf die Frage, wie diese Kommunikation konkret aussehen könnte, hat Julian Joswig noch keine Antwort. "Ich habe noch nicht das Wunderrezept. Aber wir haben erst einmal das Problem identifiziert und wollen uns dem stellen", so der Politiker. Auf dem Weg dahin will seine Partei "auch mal ein bisschen ausprobieren und gucken, was funktionieren kann".
"Es ist ja nicht so, dass alle Männer, die plötzlich Fitness machen oder Dinge, die von diesen rechten Influencern der Manosphere vorgelebt werden, per se rechts sind."
In der Fitness-Bubble etwa gebe es auch viele progressive Männer. Und bestimmte Sportarten wie etwa Kickboxen seien natürlich auch nicht "per se rechts", sagt der Politiker. "Das ist nicht einfach, wir müssen in diese Algorithmen reinkommen."
Die Grünen müssten sollten sich breiter aufstellen und Räume bespielen, in denen sie "nicht so präsent waren in letzter Zeit", findet er. Damit das funktioniert, müsse die Kommunikation authentisch sein.
Politik funktioniert nicht ohne Authentizität
"Die Leute wollen keine Politiker, die sich verstellen und unauthentisch sind – die jetzt plötzlich anfangen, Fitness zu machen, obwohl sie vorher noch nie ein Fitnessstudio von innen gesehen haben." Oder dass jemand anfängt, über Fußball zu reden, obwohl er keine Ahnung hat.
Er selbst habe mit 16 Jahren begonnen, ins Gym zu gehen. Er erklärt, sich damals selbst unsicher gefühlt zu haben und nicht zufrieden mit seinem Körper gewesen zu sein.
Unter anderem deswegen habe er sich jetzt auch entschieden, das Papier der Grünen mitzuschreiben. Julian Joswig erklärt aber auch, dass Fitness-Content alleine natürlich keine moderne Männerpolitik ersetzen kann.
"Wir müssen über Themen wie psychische Gesundheit, Einsamkeit, Bildung, soziale Sicherheit und auch geschlechterreflektierte Jugendarbeit sprechen."
Das Manifest sei ein Auftakt gewesen, diese Kommunikationsperspektive zu beleuchten, so der Grünen-Politiker. Es sei aber noch kein abschließendes Programm.
Ihm und seinen Kolleg*innen sei es wichtig zu betonen, dass sie nicht die Programmatik der Grünen verändern wollen. Es gehe zunächst um einen Denkanstoß, um die Brücke in die Algorithmen junger Männer zu bauen.
