Begeisterung für die chinesische Nation ja, politisches Engagement eher nein. Von Politik lassen junge Chinesinnen und Chinesen lieber die Finger, sagt die China-Expertin Kristin Shi-Kupfer.

China feiert in dieser Woche 70 Jahre Volksrepublik – am 01.10.1949 wurde sie ausgerufen. Gefeiert wird unter anderem mit einer gigantischen Militärparade in Peking, mit Ausstellungen, Parolen und Propaganda. Die Botschaft: China und die kommunistische Partei sind nicht zu trennen, beide werden verkörpert durch Staats- und Parteichef Xi Jinping.

Auf Abstand zur Politik

Die 20- bis 30-jährigen Chinesinnen und Chinesen gelten als vergleichsweise unpolitisch. Die Sinologin und Politikwissenschaftlerin Kristin Shi-Kupfer bestätigt diese Annahme weitgehend. Sie leitet den Forschungsbereich Politik, Gesellschaft und Medien des Mercator Institutes for China Studies. Die aktuellen Auseinandersetzungen in Hongkong standen nicht im Mittelpunkt des Gesprächs.

"Politik ist für viele etwas, wovon man lieber die Finger lässt. Man ist froh, wenn man da nicht groß hineingezogen wird."

Shi-Kupfer sagt, dass Politik für die Generation der 20- bis 30-Jährigen – Minderheiten ausgenommen – vor allem dadurch spürbar sei, dass sie einen Rahmen bildet, aber ansonsten nicht viel in ihr Leben eingreift. Das Äußerste wäre vielleicht nationalistische Begeisterung bei Sportereignissen.

"Im Alltag hat man Politik als etwas empfunden, das einen gewissen Stabilitätsrahmen schafft, keine Forderungen stellt, aber auch keinerlei Einschränkungen macht, was Konsum oder persönlichen Lebensstil angeht."

Auf Nachfrage würde unter Studierenden gelegentlich der Wunsch nach Mitbestimmung an Universitäten geäußert. Viel weiter reiche die Kritik am chinesischen Staat jedoch in der Regel nicht. Die Jüngeren sehen eben auch, dass sie viele Freiheiten haben, was etwa das Reisen angeht, das Studieren im Ausland und sie sehen, dass ihr Land zunehmend als Weltmacht respektiert wird, so Shi-Kupfer.

"Ich glaube, sie haben bislang die Politik und die Parteiführung als etwas kennengelernt, das nicht groß einschränkt - auch, wenn sie im Alltag gelegentlich Ungerechtigkeiten mitbekommen."

Kristin Shi-Kupfer weist darauf hin, dass aktive Politik in China wirklich eine bürokratische Karriere ist. Grundsätzlich gelte eine Parteimitgliedschaft in bestimmten Kontexten immer noch als hilfreich. Man müsse sich über lange Zeit verdient machen, um aufzusteigen. Auf städtischer Ebene gibt es ihr zufolge – im Gegensatz zur nationalen Politikelite des Landes – durchaus jüngere Führungspersönlichkeiten.