Krieg gegen die Ukraine, Coronavirus-Pandemie, Klimakrise, Verlust an Biodiversität – um jetzt nur mal die ganz großen Krisen zu nennen. Alle sind wichtig, aber niemand schafft es, alle Krisen ständig zu beobachten. Wir sollten auch mal Pause machen.

Es scheint, als ob eine Krise die nächste jagt. Dieser Eindruck habe viel mit der Digitalisierung zu tun, meint die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Stiftung Berliner Mauer. Doch kaum ploppt eine neue Krise auf, gleitet uns die Aufmerksamkeit für die andere weg, obwohl die noch längst nicht vorüber ist.

Gerade in den vergangenen Jahren konkurrieren auch immer stärker Desinformationen um unsere Aufmerksamkeit. Früher hatten Medien die Aufgabe eines Gatekeepers, prüften Informationen auf ihre Richtigkeit, bevor sie an die Öffentlichkeit gelangten. Es gab eine Art objektive Wahrheit, auf die wir uns verlassen konnten.

Richtigen Umgang mit Medien und Information lernen

Heute gehen alle Äußerungen unmittelbar in die Netzöffentlichkeit via Social Media. "Das ist eine riesengroße Herausforderung", sagt Julia Reuschenbach. Deshalb sei Medienbildung bereits in der Schule wichtig, um mit dieser Informationsflut und Desinformationskampagnen umgehen zu können.

Selbst nutzt Julia Reuschenbach immer unterschiedliche Medien und vergleicht die Berichte. Aber zum Medienkonsum gehöre auch dazu, betont die Politikwissenschaftlerin, Medienpausen zu machen. Dass diese Krisen unseren Alltag beherrschen, heiße nicht, dass wir uns direkt und ständig damit auseinandersetzen müssen.

"Medienkonsum bewusst zu leben, ist ein wichtiger Teil von Aufmerksamkeitsökonomie."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Selbst die Medien schafften es nicht, allen Krisen immer die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken. Das hängt mit einem "zunehmenden Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit" zusammen, sagt Julia Reuschenbach.

Neue Entwicklungen und Informationen rund um die Welt treffen mit einer größeren Geschwindigkeit ein als das früher der Fall war. All diese Informationen konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit.

"Über viel mehr Kanäle und mit einer viel größeren Geschwindigkeit als das früher der Fall war, prasseln Informationen und Nachrichten auf uns ein und konkurrieren um unsere Aufmerksamkeit."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Mehr Aufmerksamkeit erhalten die Krisen, die mehrere Länder betreffen oder besonders herausfordernd für viele Menschen sind. Dadurch geraten dann andere Krisen in den Hintergrund, auch wenn sie nach wie vor relevant sind.

Für Politiker und Politikerinnen kann das auch mal zum Vorteil sein, wenn ein bestimmtes Thema eher in den Hintergrund gerät, meint die Politikwissenschaftlerin. Wenn zum Beispiel die Lösung für das Problem eher schwierig sei.

Wie Aufmerksamkeit Politik beeinflusst

Wenn in der öffentlichen Meinung ein bestimmtes Thema besondere Aufmerksamkeit erhält, kann das aber auch dazu führen, dass sich Politik damit beschäftigen muss, sagt Julia Reuschenbach. Beispielsweise wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine hat Bundeskanzler Olaf Scholz von der SPD angekündigt, 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Aufrüstung der Bundeswehr auszugeben. Für den Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen ist das schwierig, weil in ihrem Wahlprogramm die Prioritäten auf mehr Klimaschutz gelegen hatten. Dieses gravierende Ereignis zwinge sie jetzt aber zu einem anderen Handeln.