Ein Bundespolizist soll in Hannover zwei Flüchtlinge schwer misshandelt haben und sich danach damit gebrüstet haben. Dass solche Fälle überhaupt passieren und dann erst so spät ans Licht kommen, hat nicht nur mit falsch verstandenem Korpsgeist sondern vor allem mit fehlender Führung zu tun.

Korpsgeist ist eine Form von Solidarität, die innerhalb einer Gemeinschaft eine wichtige Rolle spielt, sagt Joachim Kersten. Koprsgeist bei der Polizei aber keineswegs ein eisernes Gesetz. Wie genau Polizisten damit umgehen, lernen sie schon in der Ausbildung. Schwere Fälle von Polizeigewalt, wie der in Hannover, hätten aber selten mit falsch verstandenem Korpsgeist zu tun, sagt Joachim Kersten.

Mangelnde Führung macht Polizeigewalt erst möglich

"Polizeigewalt ist immer ein Problem mangelnden Managements, mangelnder Aufsicht. Das ist ein strukturelles Problem", sagt Joachim Kersten. Als Lösung schlägt Kersten eine äußere Stelle vor, an die sich Bürger und Polizisten in solchen Fällen wenden können. Gerade jüngere Polizisten sind häufig in einem Gewissenskonflikt: Sollen sie ihren Kollegen beim Vorgesetzten verpfeifen, oder einfach den Mund halten? Eine äußere Stellen, an die sie sich anonym wenden können, könnte solche Entscheidungen erleichtern.

"So eine Stelle gibt es in Deutschland nicht, weil die polizeiliche Führung und die Polizeigewerkschaften dagegen Sturm laufen."
Joachim Kersten

Widerrechtliches Verhalten zur Anzeige bringen

Jeder Polizist, der widerrechtliches Verhalten bei sich oder einem Kollegen beobachtet, ist aufgefordert, das zur Anzeige zu bringen. In der Realität sieht das natürlich anders aus, gibt Joachim Kersten zu. Und er plädiert da auch für Verständnis gegenüber Polizisten. Die seien Tag für Tag und Nacht für Nacht in schwierigen Situationen. "Bei minderen Verstößen überlegt man dann, ob man den Hammer kreisen lässt oder ob man sich sagt: Das hat der Kollege jetzt einmal gemacht, ich kenne den seit Jahren und schaue da mal drüber hinweg."

"Das mindeste, was der Polizist machen müsste, wäre zum Kollegen zu sagen: So geht das gar nicht. Und wenn Du sowas nochmal machst, muss ich das unserem Vorgesetzten melden."
Joachim Kersten

Polizeigewalt ist kriminell

So ein Verhalten sei bei vielen Polizisten die Regel, sagt Joachim Kersten. Schwere Fälle von Polizeigewalt, wie der in Hannover, führt Kersten auf mangelnde Führung zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass Polizisten oft vor Gericht freigesprochen werden. "Die haben bei Staatsanwälten und vor Gericht so eine Art Miles-And-More-Status. Der Richter weiß, die haben gelogen. Der Staatsanwalt weiß, dass es so nicht stimmt und man macht trotzdem nichts, weil es Polizisten sind."

"Da sind Polizisten, die meinen, sie sind dazu berechtigt das zu tun. Das ist Polizeikriminalität, das kann man nicht mit Korpsgeist generell begründen."
Joachim Kersten über die Polizeigewalt in Hannover gegen Flüchtlinge