Polizistinnen und Polizisten stehen in ihrem Job im Zweifelsfall vor der Entscheidung zu schießen oder es nicht zu tun. Das Ziel ist eine gewaltfreie Deeskalation der Situation. Das lernen sie in ihrer Ausbildung. Und auch, wie wichtig es ist, über die Erfahrungen im Einsatz zu sprechen.

Bei der Polizei zu arbeiten bedeutet auch, regelmäßig mit Gewalt, verstörenden Verhaltensweisen oder Tod konfrontiert zu werden. Besonders für Azubis, die zum ersten Mal mit solchen Themen umgehen müssen, kann das herausfordernd sein. "Jeder Anwärter ist nach dem ersten Jahr ein anderer Mensch", sagt Levin Rybak. Der 21-Jährige macht eine Ausbildung zum Kommissar. Er ist Polizeianwärter, so heißen die Azubis bei der Polizei.

"Man sieht Sachen, die man vorher noch nie erlebt hat und von denen man auch nie gedacht hat, dass man sie erlebt."
Levin Rybak, Kommissaranwärter, über seine Ausbildung bei der Polizei

Im Gespräch Lösungen finden

Viele der Anwärter*innen kommen mit hohen Idealen in die Ausbildung. Sie wollen später einmal gute Arbeit leisten. Damit sie wissen, wie sie mit so harten Themen wie Gewalt umgehen können, lernen sie in der Ausbildung, wie entscheidend es ist, dass sie darüber sprechen: über die Belastung im Job, über Frustration oder Angst. Das gilt für die Zeit im Einsatz und danach.

"Die Studierenden müssen lernen, in einem Beruf zu arbeiten, in dem sie einerseits mit Aggressionen, mit Konflikten und auch mit handgreiflicher Gewalt in Berührung kommen. Sie müssen auch lernen, selber Gewalt auszuüben. Das ist ein großer und nicht einfach zu bewältigender Schritt", erklärt Tobias Trappe. Er ist der stellvertretende Fachbereichsleiter "Polizei" an der Hochschule der Polizei in Nordrhein-Westfalen. Im Zweifelsfall bedeutet das für die Polizist*innen, dass sie im Einsatz innerhalb kurzer Zeit entscheiden müssen, ob sie schießen oder nicht. Die Verantwortung ist also groß.

"Wir thematisieren auch die dunklen Seiten der Polizeiarbeit: die Wirklichkeit von Gewalt."
Tobias Trappe, stellvertretende Fachbereichsleiter "Polizei" an der Hochschule der Polizei NRW

Deeskalation im Fokus

Wie sie mit dieser Verantwortung im Einsatz später einmal umgehen sollen, lernen die Azubis auch. Das passiert in sogenannten Situationstrainings. Dafür spielen sie echte Einsätze nach, vor allem solche, die nicht gut verlaufen sind.

Ein Situationstraining kann zum Beispiel sein, dass jemand den Anwärter*innen gegenüber steht. Die Person hat ihre Hände in der Hosentasche. Wenn sie die Hände aus den Hosentaschen zieht, müssen die Anwärter*innen entscheiden, ob sie ihre Waffe ziehen oder dieser Schritt nicht notwendig ist, weil die Person beispielsweise ihren Ausweis aus der Hosentasche holen möchte.

Das Training soll den Azubis vermitteln, dass sie Situationen im besten Fall im Gespräch oder zumindest gewaltlos lösen. Eine Eskalation soll vermieden werden.

Weg von der Vorverurteilung

Dafür setzen sich die Azubis auch mit ihren Vorurteilen und Stereotypen auseinander. Das soll etwa über Projekte zu interkultureller Kompetenz gehen oder gemeinsame Veranstaltungen mit Organisationen aus Stadtvierteln, in denen sie im Einsatz sind.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen sucht auch verstärkt nach Azubis mit Migrationsgeschichte, damit sie diverser aufgestellt ist. Wie sehr das helfen kann, hat Polizeianwärter Levin Rybak selbst erfahren. Seine Familie kommt aus Polen, der 21-Jährige spricht selbst auch polnisch. In seinem Dienst hilft ihm das in manchen Situationen, mehr übers Reden zu klären und zu deeskalieren – so wie er es in seiner Ausbildung lernt.

"Auf einmal gehört man auch zur polnischen Minderheit in Deutschland. Auf einmal ist man Polizist und gleichzeitig auch irgendwie Landsmann", sagt er. Eine angespannte Situation würde sich dann oft spürbar entspannen. Das eröffne wiederum einen Raum, die Situation mit Worten zu klären.

  • Moderatorin:  Anke van de Weyer
  • Gesprächspartnerin:  Vivien Leue, Deutschlandfunk Nova