Erst vor kurzem hat eine Allensbach-Umfrage gezeigt, dass sich jeder und jede Dritte im Osten als Bürger zweiter Klasse fühlt. Alles Quatsch, sagt der Politikberater und Zukunftsforscher Daniel Dettling. Die Zukunft liege nämlich genau dort.

Die Tweets unter dem Hashtag #wasmichimostenstoert zeigen: 30 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland nicht so geeint, wie wir es vielleicht denken. Ex-SPD-Chef Matthias Platzeck macht sich Sorgen. Es gebe eine wachsende Kluft zwischen Ost und West. Deutschland sei zerrissen, die Demokratie am Rande einer Krise. Teile der Sachsen-CDU fühlen sich von der Bundes-CDU nicht verstanden. Die AfD fordert im Wahlkampf in Brandenburg und Sachsen sogar die Wende 2.0 für den Osten.

Der "große Schock der deutschen Einheit"

Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das Berliner Büro des Zukunftsinstituts. Für ihn liegt im Osten die Zukunft. Die neuen Bundesländer seien nämlich sehr viel "transformationserfahrener" und "zukunftsrobuster" als die alten, sagt er. Weil sie den "großen Schock der deutschen Einheit" hinter sich gebracht hätten. Es sei viel verloren gegangen, aber auch viel aufgebaut worden. Gerade in Sachen Digitalisierung sieht Dettling Chancen.

"Wir haben die Digitalisierung vor uns: Die neuen Bundesländer leben längst in dieser volatilen, unsicheren, komplexen und ambivalenten Arbeitswelt."
Daniel Dettling, Politikberater und Zukunftsforscher

Außerdem seien die Parteien im Osten wesentlich pragmatischer, sagt Dettling. Die Grünen etwa seien weniger eine Verbots-Partei, die SPD sei wirtschaftsfreundlicher und weniger durch Ideologien beeinflusst.

Erneuerbare Energien statt Bergbau

Trotzdem: Nach der Wende gab es eine große Abwanderung von Fachkräften in den Westen. Und der Ausstieg aus der Kohle trifft zum Beispiel die Lausitz hart. In Brandenburg gebe es noch etwa 8000 Menschen, die im Bergbau arbeiten, sagt Dettling. Gleichzeitig seien in den letzten Jahren aber mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze bei den erneuerbaren Energien entstanden.

Gerade die Energiewende, das große Ziel aller Deutschen, könne in den neuen Bundesländern erreicht werden, glaubt Dettling. Der Osten sei auch viel technologiefreundlicher als der Westen, was zum Beispiel neue Technologien angeht oder Werksanbauten. Im Westen gebe es mehr Proteste gegen solche Neu- oder Anbauten.

"Ich mache mir um den Osten keine Sorgen in den nächsten Jahren."
Daniel Dettling, Politikberater und Zukunftsforscher

Dettling wünscht sich eine "neue Vision" für den Osten unter dem Stichwort "Klimaneutrale Wirtschaft". Genau hier könne der Osten den Westen überholen und schneller sein.

Eine "neue Vision" für den Osten

Für diese große Vision bräuchte es neue Technologien, neue Unternehmensansiedlungen sowie wahrscheinlich auch neue Sonderwirtschaftszonen, so der Zukunftsforscher. Und natürlich Universitäten, die Talente anziehen und ausbilden. Generell hofft Dettling auf mehr Toleranz. Der Osten brauche mehr Zuwanderung als der Westen und mehr Partnerschaften (Städte- und Schulpartnerschaften zum Beispiel) mit anderen Ländern.

Nach den Landtagswahlen in drei östlichen Bundesländern müssten die dann neu gewählten Regierungen ein Zukunftsprogramm auf den Weg bringen. Dettling geht davon aus, dass es neue und überraschende Bündnisse der alten Parteien geben wird – ohne Beteiligung der AfD.