Jede Woche eine Session, möglicherweise über Jahre: Eine Therapie kann Teil unseres Alltags werden, der Therapeut zur Vertrauensperson. Doch irgendwann ist Ende. Wie wir den Abschied gestalten und was wir tun können, wenn wir merken: Ich brauche weiter Unterstützung.
Zehn, 15, manchmal 20 Sitzungen bekommen gesetzlich Versicherte meistens zugeschrieben. Mit anderen Worten: Einige Monate bis vielleicht sogar ein Jahr kann eine Therapie durchaus dauern – manchmal länger, wenn eine Verlängerung genehmigt wird.
Jede Therapie ist auf ein Ende ausgelegt
Diesen zeitlichen Rahmen müsse der Therapeut oder die Therapeutin mitdenken, sagt Bastian Willenborg, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Medizin. "Am Anfang wird ein Therapieziel festgelegt", erläutert Therapeut Willenborg. "Doch genauso wichtig ist es, den Patienten rechtzeitig auf das Ende der Therapie hinzuweisen." Bei 20 Sitzungen könnte das zum Beispiel ab Sitzung 15 passieren. Insofern, sagt Willenborg, sei es passender, von einem Abschiedsprozess zu sprechen.
"Psychotherapie ist erfolgreich gewesen und kann gegebenenfalls beendet werden, wenn die Patienten die eigenen Muster besser erkennen und Krisen besser bewältigen können."
Und irgendwann kommt sie doch: die letzte Therapiestunde. Willenborg gestaltet sie bewusst anders als reguläre Sitzungen: "Normalerweise gucken wir immer nach vorne, überlegen, was der Patient anders machen könnte. In der letzten Stunde hingegen schauen wir zurück, überlegen, was sich verändert hat, welche Erfolge der Patient verzeichnen konnte." Genauso wichtig sei es aber auch, über Risikofaktoren und Warnhinweise zu sprechen, die auf den Patienten zukommen könnten.
"Einige sagen, jetzt reicht es auch mit der Therapie. Andere werden ängstlich und zweifeln, ob sie es jetzt alleine schaffen."
Der besondere Abschied in Gruppentherapien
Bei Gruppentherapien, die Willenborg ebenfalls anbietet, gestalte sich der Abschied schwerer, so der Therapeut. "Plötzlich droht der Beziehungsraum, den so eine Gruppe gestaltet hat, wegzufallen." In der Realität passiere es dann häufig, dass die Gruppen sich weiter treffen und ihre erarbeiteten Rituale beibehalten, auch wenn der Therapeut nicht mehr dabei ist.
"In Gruppentherapien entstehen auch Freundschaften oder die Form wandelt sich beispielsweise zu einer Selbsthilfegruppe."
Die Zeit nach der Therapie
Und dann, wenn wir emotional mit der Therapie abgeschlossen haben, kann es sein, dass uns der Therapeut beim Spaziergang oder im Café über den Weg läuft. "Manche grüßen eher aus der Ferne", erzählt der Therapeut. "Das ist für mich völlig okay. Nicht jeder möchte in der Öffentlichkeit von seinem Psychiater angesprochen werden", sagt er.
Willenborg erinnert sich aber auch an eine ehemalige Patientin, die ganz plötzlich mit ihrem neugeborenen Baby vor ihm stand. Denn natürlich freue es einen als Therapeut, wenn man sieht, dass ehemalige Patienten nach der Therapie auf beiden Beinen im Leben stehen.
Gleichzeitig betont der Therapeut: Auch nach erfolgreich abgeschlossener Therapie komme es vor, dass Menschen ins Wanken geraten. "Das hat nichts mit Scheitern zu tun." In solchen Fällen sei es möglich, noch eine Therapiephase oder, wie Willenborg es nennt, ein paar Boostersitzungen einzubauen. "In denen justieren wir nach und dann klappt es in der Regel auch."
