Elon Musk, Greta Thunberg und Sia haben Autismus. Adam Levine, Bill Gates und Angelina Köhler haben ADHS. Das öffentliche Thematisieren von Erkrankungen kann helfen. Aber es birgt auch Risiken.
Eine britische Untersuchung der Oxford University – an der mehrere Tausend Teenager teilnahmen – liefert Indizien, dass zu viel reden über Krankheiten, neuronale Störungen und psychische Probleme möglicherweise Fallzahlen in die Höhe treiben könnte.
Forschende wollten wissen, ob Achtsamkeitstraining (Mindfulness) Stress reduziert und das psychische Wohlbefinden verbessert. Die Proband*innen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Lehrkräfte schulten die Teenager, ihre Aufmerksamkeit auf den Moment zu lenken, auf Körper und ihre Gefühle zu achten. Die andere Gruppe wurde normal unterrichtet. Bildungsjournalist Bent Freiwald staunt über das Ergebnis.
"Meine Intuition in dieser Frage war: natürlich hilft Achtsamkeitstraining. Sonst wäre es sinnlos. Aber das Gegenteil kam heraus."
Das Achtsamkeitstraining führte dazu, dass sich die Schüler*innen schlechter fühlten. Das zeigte sich, wenn sie bereits zu Studienbeginn ein erhöhtes Risiko für Depressionen oder ADHS hatten.
Achtsamkeitstraining führte zu erhöhtem ADHS- und Depressionsrisiko
Das Depressionsrisiko stieg durch das Achtsamkeitstraining an, während das Wohlbefinden sank – sowohl direkt nach den Kursen als auch ein Jahr später noch. Andere Studien zeigten ebenfalls, dass das viele Reden über psychische Probleme und Krankheiten die Zahl der Diagnosen steigen lässt.
Daraus dürfe man jedoch im Umkehrschluss nicht folgern, dass wir uns viele psychische Probleme oder Krankheiten nur einbilden, sagt Bildungsjournalist Bent Freiwald.
"Studien legen nahe, dass mittlerweile gerade junge Menschen Symptome bei sich selbst als psychisch krank einschätzen."
Studien zeigten, dass vor allem Jüngere Symptome bei sich selbst feststellen und sie als Psychische Krankheiten einschätzen. Vor einigen Jahren hätten diese Symptome noch zum "normalen" Spektrum der alltäglichen (wenn auch negativen) Gefühle gezählt, sagt der Bildungsjournalist.
Seelisches Leiden mit Sprache ausdrücken
Bent Freiwald erklärt, dass psychische Symptome nicht isoliert entstehen, sondern im Austausch mit Sprache, Kultur und Gesellschaft. Wie Menschen ihr seelisches Leiden ausdrücken, hänge davon ab, welche Worte sie dafür kennen.
"Psychische Symptome entstehen nicht isoliert."
Dabei spiele der sogenannte Looping-Effekt eine Rolle, sagt Bent Freiwald: "Expert*innen führen einen Begriff oder eine neue Diagnose ein, Menschen hören den Begriff – und erkennen sich darin wieder." Als Beispiel nennt Bent Freiwald Burn-Out. Nachdem Menschen diesen relativ neuen Begriff hörten, begannen sie, ihr eigenes Erleben damit abzugleichn und verhielten sich entsprechend. Das habe Einfluss auf die Diagnosen, sagt Bent Freiwald.
"Das kannst du dir bei den Achtsamkeitstrainings klarmachen: Wir lernen, sehr genau in uns hineinzuspähen."
Wir lernen Begriffe wie "Angststörung", "Panikattacke" oder "Depressive Episode". Herzrasen vor einer Klausur wird dann auf einmal zu einer "Angststörung" – anstatt dass wir einfach sagen, nervös zu sein, wie vor vielen anderen Tests auch. Bent Freiwald meint: "Je mehr wir dazu gebracht werden, über psychische Gesundheit – also Achtsamkeit – nachzudenken, desto mehr Symptome werden wir finden.“
Dass auf diese Weise auch die Zahl der tatsächlichen Diagnosen ansteigt, könnte folgenden Grund haben: Mehr Menschen mit einer Angststörung nehmen ihre Symptome als Problem wahr und gehen damit zum Arzt.
"Es werden auch mehr Jüngere mit tatsächlicher Angststörung ihre Angststörung entdecken. Das dürfen wir nicht vergessen."
Laut Bildungsjournalist Bent Freiwald gibt es eine Möglichkeit, über Erkrankungen aufzuklären und Awareness zu schaffen, ohne dass sich gleichzeitig alle selbst diagnostizieren:
Forschende aus Kanada versuchten, diesen Looping-Effekt von vornherein zu verhindern. Dafür klärten sie Menschen über ADHS auf. Dies führte erneut zu falschen ADHS-Selbstzuschreibungen. Wenn sie die Teilnehmende allerdings zusätzlich darüber aufklärten, dass es nach dem Training zu möglichen falschen Selbstzuschreibungen kommen kann und es auch andere Erklärungen für ADHS-Symptome gibt, dann verschwand der negative Effekt.
Für Bildungsjournalist Bent Freiwald ließe sich aus den Untersuchungsergebnissen daher die Formel generieren: "Aufklärung über Symptome + Aufklärung über die Folgen von Aufklärung = Aufklärung, die wirklich hilft."
