"Wir wehren uns", rufen ausländerfeindliche Gruppen, Pegida und selbsternannte Bürgerwehren. Sie sehen sich als Opfer. Und verpassen dabei, dass sie selbst zu Tätern werden.

Sich selbst so sehr als Opfer wahrzunehmen, dass wir initiativ Gewalt auszuüben, es dann aber als Verteidigung darstellen? Das klingt zunächst verquer. Aber: "Das lernen wir im Grunde seit unserer Kindheit", erklärt Thomas Kliche. Er ist Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal. Die eigene Aggression wird damit begründet, dass mir jemand irgendwie etwas getan hat. Das funktioniert etwa nach diesem Schema "Oh, ist der unfreundlich, den müssen wir mal mobben". Um Verhältnismäßigkeit geht es dabei nicht.

Wir wissen, wo dieses Verhalten akzeptiert wird

Im Laufe des Lebens haben wir ausgetestet, wo wir mit dieser Haltung durchkommen, erklärt Thomas Kliche. Das ist der angeblich provozierende kurze Rock bei der Vergewaltigung oder auch aggressives Autofahren. Die Umkehrungen von Täter und Opfer seien "eigentlich sehr verbreitete Verhaltensmuster", sagt der Psychologe und stellt klar: Weit verbreitet, bedeute aber noch lange nicht, dass es gut sei. Dieses Verhalten ist äußerst problematisch.

"Es verstößt gegen jede Gerechtigkeit, gegen Einfühlung, Menschlichkeit und Freundlichkeit. Wenn so etwas um sich greift, führt das dazu, dass wir uns nicht mehr auf andere verlassen können."
​​Thomas Kliche, Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal

Der Mensch stehe diesem Phänomen nicht hilflos gegenüber: "Es gehört zu einem erwachsenen Menschen dazu, dass er sich selbst beobachten und kontrollieren kann", sagt Thomas Kliche. Das bedeute auch, dass wir versuchen, dass üble eigene Verhalten zu verhindern. Er sagt, wir sollten in der Lage sein einzuschätzen, wo wir über die Stränge schlagen - und uns hier zu moderieren und auf uns aufzupassen.

"Natürlich weiß ein Neonazi, der ein Flüchtlingsheim ansteckt, dass er ein Krimineller ist. Natürlich weiß eine Demonstrantin, die die Kanzlerin als 'Fotze' beschimpft, dass sie da etwas unschönes tut."
​​Thomas Kliche, Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal

Aber Kontrolle ist anstrengend. Und das sei der Knackpunkt für viele, meint der Politologe und Psychologe. Das lässt sich bei Pegida und Co beobachten: Selbstkontrolle aus - Wut an. "Die Lust am Hassen ist ja: ich kann mal die Sau raus lassen", sagt Thomas Kliche. Dazu suchen sich die Wütenden Angriffspunkte, die zumindest in ihren Kreisen sozial gebilligt würden.

Wie real die Angst ist, ist dabei schwer messbar. Werde jedoch Unrecht und Gewalt ausgeübt, passiere das nicht ganze ohne Bewusstsein. "Sie wissen auch, dass sie dadurch anderen Menschen Böses zufügen", sagt er.

"Das sind keine Gutmenschen, die glauben, sie verteidigten jetzt einfach mal das Abendland"
​​Thomas Kliche, Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal

Der Punkt ist, so der Psychologe: durch die Rechtfertigung haben sie einen Weg gefunden, das auszuschalten und dabei ihr positives Selbstbild intakt zu halten. Die Angst sei für sie ein Vorwand, die Wut auszuleben. Dabei sei sie zumeist steuerbar.

"Wir sind nie Opfer von unseren Gefühlen, sodass die Angst uns sozusagen urtümlich überwältigt. Alle unsere Gefühle sind das Ergebnis von Gedanken, wie wir die Welt wahrnehmen."
​​Thomas Kliche, Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal

Und was können wir tun, wenn wir dieser Angst-Wut begegnen? Wenig - sagt Thomas Kliche. Denn diese Selbstrechrfertigung könne eine psychische Kraft entfalten, die durch Argumente kaum zu durchbrechen sei. Seiner Meinung, ließe sich das nur politisch lösen.

"Es gibt einen Bodensatz von unreifen Arschlöchern in jeder Gesellschaft. Die demokratische Gesellschaft hat den Vorteil: Man kann darüber diskutieren, sich sammeln und dann entscheiden, ob man den unreifen Menschen folgen will."
​​Thomas Kliche, Politologe und Psychologe an der Hochschule Magdeburg Stendal