Egal ob Depression, Psychose oder Sucht - wenn ihr an einer psychischen Krankheit leidet, werdet ihr ganz schnell in eine Schublade gesteckt, im schlimmsten Fall ausgegrenzt. Die Wahrnehmung psychischer Krankheit in der Öffentlichkeit hat sich seit den 90er Jahren nicht verbessert, im Gegenteil.

In den zwei Jahrzehnten zwischen 1990 und 2011 hat sich unsere Einstellung gegenüber Menschen mit psychischen Störungen nicht verbessert, die gegenüber Schizophrenie-Betroffenen sogar verschlechtert. Das hat Georg Schomerus, stellvertretender Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie der Universitätsmedizin Greifswald, gemeinsam mit Leipziger Kollegen in einer Langzeitstudie festgestellt. Martin Lindheimer vom Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen kann das bestätigen.

"Ich glaube, dass es weiterhin eine sehr stark stigmatiserte Einstellung gegenüber Menschen gibt, die man als psychisch krank bezeichnet."
Martin Lindheimer, Psychiatrie-Erfahrener

In der Regel sei es so, dass wenn jemand in der Psychiatrie gewesen ist, seine beruflichen Ambitionen damit beendet sind. Aber wie lässt sich das ändern? Die einstige Hoffnung, dass ein verstärktes biologistisches Verständnis psychischer Erkrankung das Verständnis in der Öffentlichkeit verbessert, hat sich nicht erfüllt, berichtet Georg Schomerus, diese Perspektive führe sogar zu noch mehr Ablehnung. Das ist nicht nur belastend für die Erkrankten, sondern hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Krankheit selbst und die Heilung. So kann Stigmatisierung dazu führen, dass Krankheitssymptome stärker ausfallen. Und:

"Wir wissen, dass das Stigma von psychischen Erkrankungen dazu führt, dass Leute keine Hilfe in Anspruch nehmen oder die Hilfe sehr viel später in Anspruch nehmen."
Georg Schomerus, Psychiater

Georg Schomerus hat herausgefunden, dass das Wissen um die Tatsache, dass es keine feste Grenze zwischen psychischer Gesundheit und Krankheit gibt, sondern dass der Übergang fließend und ein gewisser Grad psychischer Auffälligkeiten "normal" ist, viel eher zu einer besseren Wahrnehmung psychischer Erkrankungen in der Öffentlichkeit führt.     

"Es gibt keinen diagnostischen Test, der eindeutig sagt: Ab hier ist es krank, und kurz davor war es noch normal."
Georg Schomerus, Psychiater

"Wissen, Glaube, Vorurteil? Einstellungen der Bevölkerung zu psychischen Erkrankungen", so heißt der Vortrag von Georg Schomerus, der am 10. Januar 2017 vom Cologne Center of Rights, Economics and Social Sciences of Health (ceres) im Rahmen der Ringvorlesung "Der ganz normale Wahnsinn? Psychische Erkrankungen als gesellschaftliche Aufgabe" aufgezeichnet wurde.

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