Wenn wir Gerüchte oder andere ungesicherte Infos über fremde Leute hören, dann bleibt davon immer etwas bei uns hängen, und wir beurteilen die Leute danach. Das sagen Psychologinnen und Psychologen der Berliner Humboldt-Universität.

Die Psychologinnen und Psychologen haben dazu zwei Experimente mit zwei kleineren Gruppen von Versuchspersonen gemacht. Dabei saßen Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils im Labor vor einem Bildschirm und waren an ein EEG angeschlossen. Auf diese Weise konnten die Forschenden die Gehirnaktivität der Versuchspersonen messen. 

Beim ersten Experiment wurden auf dem Bildschirm unbekannte Gesichter gezeigt. Dazu bekamen die Teilnehmenden Informationen über die Person auf dem Bild, die entweder neutral waren oder negativ. Beim zweiten Experiment kamen auch positive Informationen dazu.

Forscher gaben auch Hinweise auf ungesicherte Informationen

Es gab zum Beispiel neutrale Informationen zu einem Bild, wie: "Dieser Mann arbeitet in einer Postfiliale." Die negativen und positiven Informationen wurden dann:

  1. Entweder als gesichert präsentiert, beispielsweise: "Dieser Mann hat seinen Lehrling tyrannisiert." 
  2. Als nicht gesichert weitergegeben, beispielsweise: "Dieser Mann hat angeblich seinen Lehrling tyrannisiert." 

Darüber hinaus haben die Psychologinnen und Psychologen noch andere Formulierungen benutzt, um unsichere Infos zu kennzeichnen. Die Worte dafür waren "wird verdächtigt", "mutmaßlich", "man sagt" oder "ihm wird nachgesagt".

"Das sind eben auch Formulierungen, die in den Nachrichten verwendet werden um zu kennzeichnen, dass etwas noch nicht sicher ist."
Wiebke Lehnhoff, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichtenredaktion

Die gewählten Formulierungen kennen wir alle aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Aber sie werden darüber hinaus auch in Nachrichten verwendet, wenn der Sachverhalt als noch nicht gesichert gilt. Wichtig ist dies aus juristischer Sicht, um Vorverurteilungen, falsche Beschuldigungen, Verleumdungen oder üble Nachrede zu vermeiden. Jetzt haben die Psychologinnen und Psychologen allerdings festgestellt, dass genau diese wichtigen Hinweise offenbar emotional bei Leserinnen oder Zuhörern nicht ankommen. 

Auch von ungesicherten Informationen bleibt immer etwas hängen

Bei der Hirnaktivität der Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer war generell eine deutliche Veränderung zu erkennen, während sie die Infos zu den unbekannten Personen bekamen. Dies lässt laut den Forscherinnen darauf schließen, dass die Teilnehmenden die Leute auf den Bildern emotional beurteilt hätten. 

Kontrollaufgaben haben auch gezeigt, dass die Teilnehmenden zwar erfasst haben, dass die Infos zum Teil nicht gesichert waren – aber trotzdem haben sie die Personen auf den Bildern entsprechend den Infos eher negativ oder positiv beurteilt. 

Laut den Forscherinnen zeige das, dass wir dazu tendieren, Leute selbst dann stark emotional zu beurteilen, wenn dieses Urteil nur auf wackeligen Füßen steht. Dazu hat die Psychologin Rasha Abdel Rahman dem Deutschlandfunk im Interview gesagt, dass ein einmal gefälltes Urteil darüber hinaus auch nur eingeschränkt zu revidieren sei. 

"Wir haben in anderen Studien auch festgestellt, dass man also sein Urteil ein Stück weit zurücknehmen kann infolge eines Dementis – wenn also gesagt wird: 'Das stimmt gar nicht.'"

Darüber hinaus sei es nicht von Bedeutung, wenn die Behauptung eingeschränkt sei, so die Psychologin weiter. 

"Aber wenn einfach nur die Unsicherheit markiert wird, dann spielt das tatsächlich keine Rolle und unser Urteil, das ist tatsächlich relativ hart – auch wenn die Evidenz eigentlich eher eine weiche ist."

Ob und wie wir den Automatismus in unserem Kopf gegensteuern können, ist bisher noch nicht klar. Das wollen die Psychologinnen und Psychologen der Humboldt-Universität jetzt in einer weiteren Studie herausfinden.