Die wenigsten von uns werden behaupten, nicht empathisch zu sein. Aber sind wir alle auch emotional intelligent? Myriam Bechtoldt forscht dazu und sagt: Emotionale Intelligenz ist in unserem Alltag ständig präsent.

Du kommst zu spät zu einem Treffen mit zwei Freundinnen und kannst sofort an deren Gesichtern ablesen, dass sie sich wohl noch vor fünf Minuten gezofft haben. Das ist ein Zeichen dafür, dass du emotional intelligent bist, sagt Myriam Bechtoldt.

"Wahrnehmen, analysieren und Schlussfolgerungen ziehen."
Myriam Bechtoldt über emotionale Intelligenz

Emotionale Intelligenz besteht wesentlich aus drei Stufen, erklärt die Psychologin. Diese wären:

  1. "Eine wesentliche Komponente von emotionaler Intelligenz ist Wahrnehmungsfähigkeit für nonverbal kommunizierte Emotionen", sagt die Wissenschaftlerin. Was kompliziert klingt, beschreibt die Fähigkeit, die Stimmung des Gegenübers nur aufgrund von Gesichtsausdruck, Körperhaltung oder auch Stimmlage zu erfassen.
  2. Nachdem man gemerkt hat, dass es dem Gegenüber nicht gut geht, ohne dass er oder sie etwas gesagt hat, kommt das emotionale Verständnis. Jetzt geht es darum, genau herauszufinden, wie es der Person geht, also ob sie eher wütend oder doch deprimiert ist, so die Psychologin.
  3. Die Königsdisziplin ist schließlich die Reaktion, sagt Myriam Bechtoldt: Wie geht man mit den wahrgenommenen Informationen um? Das kann zum Beispiel Empathie sein, also dass man genau so empfindet wie das Gegenüber. "Wenn es dir schlecht geht und ich darauf empathisch reagiere, heißt das: Mir geht es auch schlecht", beschreibt die Wissenschaftlerin.

Empathie setzt emotionale Intelligenz voraus

Empathie muss aber nicht zwangsläufig auf emotionale Intelligenz folgen, betont Myriam Bechtoldt. Persönliche Beziehung entscheide darüber, ob wir empathisch reagieren: "Üblicherweise sind wir mit unserem eigenen Hund deutlich mitfühlender als mit einem Obdachlosen auf der Straße."

Die Motivation, die hinter Empathie steckt, gibt es bei der emotionalen Intelligenz, die eine Fähigkeit ist, nicht. Myriam Bechtoldt beschreibt diese Fähigkeit auch als Werkzeug: "Emotionale Intelligenz ist das Messer, mit dem man Brot schneiden kann, oder den anderen abstechen."

"Die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen, ist etwas anderes als die Fähigkeit, Matheaufgaben lösen zu können."
Myriam Bechtoldt

Ähnlich wie beim IQ-Test kann auch emotionale Intelligenz gemessen werden, sagt Myriam Bechtoldt. Da gibt’s dann aber keine Mathe- oder Logikaufgaben, sondern Fragen, die sich auf emotionale Situationen beziehen. Man muss zum Beispiel unterschiedliche Gesichtsausdrücke interpretieren.

So, wie man Sprachen lernen oder auch Mathe üben kann, kann man auch emotionale Intelligenz trainieren, versichert die Psychologin. "Das heißt jetzt nicht, dass jeder hochbegabt werden kann." Aber Verbesserung sei auf jeden Fall möglich.

Sind emotionale Fähigkeiten für die Karriere wichtiger als klassische Intelligenz?

Über die Bedeutung von emotionaler Intelligenz für die Karriere wird in der Forschung gestritten. "Es heißt: Mit dem IQ kommt man in den Job, aber mit emotionaler Intelligenz macht man Karriere", beschreibt Myriam Bechtoldt die Position des Psychologen Daniel Goleman aus dem Jahr 1995. "Das ist nicht haltbar." Die beste Qualität für eine erfolgreiche Karriere bleibe die kognitive Intelligenz, also die Fähigkeit, Matheaufgaben zu lösen, sagt die Wissenschaftlerin.

Soft Skills, wie sie inzwischen bei jeder Stellenausschreibung vorausgesetzt werden, sind trotzdem entscheidend, betont Myriam Bechtoldt. Wenn kognitive Intelligenz die Voraussetzung für eine Stelle ist, so die Psychologin, ist hohe emotionale Intelligenz das, was einen von den anderen Bewerberinnen und Bewerbern unterscheidet und vielleicht sogar der entscheidende Faktor, mit dem man am Ende das Rennen gewinnt.