In Nordrhein-Westfalen brauchen Menschen ab jetzt mehr als ein Einser-Abi, um Medizin zu studieren: Sie brauchen Empathie und Warmherzigkeit. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Rebekka Endler hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht und weiß, wie wichtig Empathie in der Medizin ist.

Als unsere Reporterin auf der Treppe umknickte, und sich zur Notfallambulanz schleppte, konnte sich der Mediziner dort den bösen Kommentar nicht verkneifen: "Da habe ich schon mal besser rasierte Beine gesehen." Ganz schön dumm, wenn die Ärztin oder der Arzt einem ein schlechtes Gefühl gibt. Auch auf Bewertungsportalen ist das wichtigste Kriterium für die Punktevergabe nicht der Heilungserfolg, sondern ob Ärzte uns zuhören und ernst nehmen.

Jetzt will sich auch Nordrhein-Westfalen bei der Vergabe von Medizinstudienplätzen nicht mehr allein an der Abi-Note orientieren – als erstes deutsches Bundesland. Mit Empathie-Tests soll sichergestellt werden, dass die potenziellen Ärztinnen und Ärzte auch wirklich mitfühlend und aufmerksam sind.

Die Abiturnote ist die halbe Miete

Mediziner, mit denen Rebekka gesprochen hat, bestätigen das zum Teil: In der medizinischen Betreuung sei der menschliche Umgang mitunter am wichtigsten. Trotzdem, ohne ein Verständnis für Naturwissenschaften geht es nicht, sagt Wolfgang Hampe. Er ist Leiter der Arbeitsgruppe Studierendenauswahl an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Für ihn ist die Abiturnote ein wichtiger Anhaltspunkt dafür, wie begabt Studierende sind.

"Das heißt, man muss in der Lage sein, Krankheiten zu erkennen, zu diagnostizieren und die richtigen Therapien zu finden."
Wolfgang Hampe, Leiter der Arbeitsgruppe Studierendenauswahl, Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf

Die Kompetenz, den Lernstoff zu verstehen und anzuwenden, muss also da sein, aber soziale Kompetenz eben auch. Eine Art Assessmentcenter könnte beispielsweise helfen, Potenzial unter verschiedenen Bewerberinnen und Bewerbern zu testen. Allerdings gibt es bei dem Aufnahmekriterium Empathie etwas Wichtiges zu beachten: Empathie kann auch trainiert werden.

Empathie kann ab- und zunehmen

Empathie ist keine eine stabile angeborene Fähigkeit, die über die Jahre unveränderbar bleibt – so der momentane Forschungsstand. Empathie lässt sich trainieren und sie verändert dabei neurologisch unser Gehirn. Das sagt auch Tobias Esch. Er ist Leiter des Instituts für integrative Gesundheitsforschung und Förderung an der Universität Witten-Herdecke.

"Wir haben eine ganze Reihe von Studien, die unter dem Titel 'Train the Trainer' zeigen, dass wenn man Empathie und Achtsamkeit und Zugewandtheit trainiert, dass das auch Auswirkungen auf die Patientenheilung hat."
Tobias Esch, er ist Leiter des Instituts für integrative Gesundheitsforschung und Förderung an der Universität Witten-Herdecke

Manche Studien zeigen sogar, dass es positive Auswirkungen auf die Behandlung hat, wenn Ärztinnen und Ärzte ein Empathie-Training absolvieren. So können sie sich besser in ihre Patientinnen und Patienten hineinversetzen, sagt Tobias Esch. Der Behandlungseffekt werde besser. Bisher habe man sich in Deutschland allerdings nicht so sehr für diese Studien interessiert. In Ländern wie den USA sei das anders.

"Wir sehen an vielen Beobachtungen und Studien, dass im Laufe eines Medizinstudiums, dass bei vielen Studierenden die Empathie-Fähigkeit sogar abnimmt."
Tobias Esch, er ist Leiter des Instituts für integrative Gesundheitsforschung und Förderung an der Universität Witten-Herdecke

Heißt im Umkehrschluss auch: Wir können Empathie verlernen. Bei vielen Medizin-Studierenden ist das Studien zufolge der Fall. Tobias Esch wünscht sich daher, dass solche Empathie-Trainings Teil des Medizin Curriculums werden. Empathie soll nicht nur ein Auswahlkriterium für das Medizinstudium sein, sondern bei Studierenden ausgebaut und gefördert werden.