Jeden Sonntag gehen sie auf die Straße, um für die Idee "Europa" zu demonstrieren. Europaweit. Und es werden mehr, in immer mehr Städten. Aktivisten und Demobesucher wollen ein Zeichen setzen. Sie wollen aktiv werden und ein Bewusstsein dafür wecken, dass Europa nicht länger selbstverständlich ist.

Es heißt ja immer, wir seien nicht so politisch wie frühere Generationen. Und gleichzeitig beobachten viele Europäer den Aufstieg eines neuen Nationalismus. Jetzt gibt es mit "Pulse Of Europe" eine Bewegung, die immer mehr Fahrt aufnimmt und die sich diesen Entwicklungen entgegenstellen will: Seit einigen Wochen gehen jeden Sonntag, um 14 Uhr Menschen auf die Straße. Mehrheitlich sind das Leute aus der Gruppe Ü40. Aber es sind auch Jüngere dabei. Die Bewegung breitet sich aus. In Frankfurt, Köln, München und zwölf weiteren deutschen Städten sind sie unterwegs, aber auch in Amsterdam, Paris, Bath oder Toulouse.

Zeichen für Europa setzen

Das, was alle eint: Sie wollen ein Zeichen für Europa setzen. Ohne echte Agenda, aber eben mit wissendem Auge, dass etwas schief läuft und die EU möglicherweise weiter zerbröckelt. DRadio-Wissen-Reporter Yannic Hannebohn hat sich mit zwei Aktivistinnen der Bewegung und mit zwei Demobesuchern unterhalten, um herauszufinden, was sie antreibt. Wir stellen sie euch vor.

Clara möchte ein Zeichen für Europa setzen

Clara Mokry ist 27 und eigentlich hätte sie andere Dinge zu tun, als am Samstag vor der Demo in München Flyer zu verteilen. Clara arbeitet als Analystin für eine Ratingagentur, die Unternehmen auf deren Nachhaltigkeit bewertet. Als Yannic sie trifft, verteilt sie Flyer der Bewegung im Hofgarten, denn sie ist eine der Organisatorinnen des Münchner Ablegers von "Pulse of Europe". Clara kämpft gegen eine Spaltung Europas und lehnt Nationalstaaten ab.

"Das ist historisch etwas Einzigartiges, dass Länder, die sich verfeindet haben, sich zusammengeschlossen haben. Dafür muss man kämpfen, dass es so bleibt."
Clara Mokry, Aktivistin "Pulse of Europe"
Aktivistinnen von Pulse Of Europe in München
© DRadio Wissen | Yannic Hannebohn
Auf der Bühne links ist Clara, rechts Anna.

Anna muss was machen

Anna Schwarzmann organisiert wie Clara die wöchentlichen Demos in München. Sie ist 32 Jahre alt und Rechtsanwältin. Auch für sie war von Anfang an klar, dass sie "Pulse of Europe" unterstützen will. Bloß nicht dem Post-Brexit-Syndrom erliegen lautet die Devise. Egal, wie knapp ihre Zeit ist.

"Ich möchte einfach nicht danach dastehen und sagen: Mann, man hätte was machen müssen."
Anna Schwarzmann

Akil möchte offen für Europa eintreten

Akilnathan Logeswaran, 27, wird von den meisten einfach Akil genannt. Er arbeitet als Unternehmensberater. Wie die meisten hier hat er eigentlich genug zu tun mit seinem Job und allem, was in seiner Freizeit ansteht. Aber es ist ihm wichtig. Zur Demo kommt er im Europastyle - also blau mit gelben Sternen - und zusammen mit Leuten, die er über "Pulse of Europe" kennengelernt hat. Auch zu seiner ersten Demo ging er in diesem Look. Er hat dann Jungs in der U-Bahn getroffen, die nicht gecheckt haben, was die blaugelbe Gesichtsbemalung bedeutet. Sie dachten, er geht zu einem Fußballspiel.

"Wenn ich so viel Leidenschaft für die Nationalmannschaft habe, kann ich die auch mal für Europa zeigen."
Akil demonstriert für Europa
Thomas Zschocke (links) und Akilnathan Logeshwar (rechts)
© DRadio Wissen | Yannic Hannebohn
Thomas Zschocke (links) und Akilnathan Logeswaran (rechts) auf der Demo in München

Thomas möchte bewusst machen, dass Europa nicht mehr selbstverständlich ist

Thomas Zschocke studiert Politik und BWL und ist ein Freund von Akil. Er erzählt, dass die meisten seiner Freunde sich einig sind: Europa ist eine gute Errungenschaft. Die gemeinsame Meinung ist schön, aber auch gefährlich, weil man schnell davon ausgeht, dass es allgemeiner Konsens ist. Ist es aber nicht, wie wir an der aktuellen Politik sehen. Thomas ist das bewusst, aber er weiß auch, dass viele Freunde und Kommilitonen es trotzdem nicht für nötig halten, für Europa auf die Straße zu gehen.

"Die meisten meiner Freunde sind der gleichen Meinung, ich hab nur wenige in unserem Alter kennengelernt, die Großes auszusetzen haben an der EU."
Thomas Zschocke, Student und Demonstrant